Schreibwettbewerb – April – Finalisten – Miriam Exner

Miriam Exner, herzlichen Dank für Deine Teilnahme am Wettbewerb. Du gehörst mit Deiner Story zu den Top 5, die es in die Endrunde geschafft haben.

Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen,

Euer Lounge Team.


Love, Sex & Rock´n Roll

Gedankenverloren drehe ich den Perlenohrring zwischen meinen Fingern.

Ich seufze tief, während ich erneut meine Handtasche öffne, das Smartphone herausnehme und auf das Display starre. Keine neue Nachricht.

„Wo bleibt der bloß?, murmele ich in meinen nicht vorhandenen Bart.

Da lädt mich Detlef in dieses ultraneue Nobelrestaurant, in diesem unverschämt teuren Hotel ein, bittet mich, im Abendkleid zu erscheinen und dann taucht er selbst nicht auf?

Gut, die Pünktlichkeit in Person ist er noch nie gewesen. Doch mittlerweile sitze ich hier seit geschlagenen 25 Minuten verloren an der Bar herum und warte. Der Barkeeper namens Steve, wie ich auf einem Ansteckschild gelesen habe, beäugt mich schon mitfühlend. Gerade will ich aufstehen, um nach Hause zu gehen, da erscheint Detlef in der Tür.

Ich traue meinen Augen nicht: Während ich hier in dieser edlen pastellfarbenen Robe hocke, erscheint der werte Herr in Jeans und Polohemd.

Schon während Detlef durch den Gang stürzt, erkenne ich, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, stimmt hier etwas ganz und gar nicht.

„Detlef, was ist los?“, frage ich ohne Umschweife zur Begrüßung.

Er bleibt atemlos vor mir stehen. Dann sucht sein Blick den meinen. „Maja, pass auf…“, fängt er an zu stammeln. „Ich habe mir das alles echt anders vorgestellt. Ich wollte mit dir lecker Essen, dann in die Oper und eine wunderbare Nacht hier in diesem Hotel verbringen“, setzt er an.

Ich gucke ihm direkt ins Gesicht. „Aber?“, frage ich.

„Aber Sybille hat von uns erfahren!“ Detlef reibt sich die Hände durchs Gesicht.

Ich bin geschockt. Seit fünf Monaten treffen wir uns. Heimlich und diskret. Keiner Menschenseele habe ich von uns erzählt. Ich wollte mir nicht die Blöße geben, dass mich jemand verurteilt. Als junge Frau, die einer Familie den Mann wegnimmt. Als billige Affäre für einen gelangweilten Geschäftsmann.

Also habe ich kein einziges Wort über uns verlauten lassen. Und jetzt das?

„Woher weiß sie von uns?“, frage ich. Mehr lässt der Kloß in meinem Hals nicht zu.

„Sie hat die Reservierungsbestätigung in meinem Postausgang gefunden!“ Detlef sieht abgekämpft aus.

„Und nun?“ Vielleicht wagt er endlich den Schritt. Den Schritt zu mir. Raus aus seiner Ehe, die, seinen Worten nach, schon lange nicht mehr läuft.

Detlef lehnt sich an den Barhocker neben mir. „Maja, pass auf. Die Zeit mit dir war unglaublich. Ich danke dir für alles, aber bitte versteh mich …“ Er stammelt schon wieder. Und er serviert mich gerade eiskalt ab.

Wie ein armer Wicht lehnt er an diesem Stuhl und stammelt mir etwas vor. In meiner Brust breitet sich etwas anderes aus und vertreibt den Kloß aus meinem Hals: Wut!

Kurz bevor ich platze, erhebt sich Detlef. „Ich muss meine Familie retten, es tut mir leid!“ Damit dreht er sich auf dem Absatz um, strafft seine Schultern und marschiert wieder in Richtung Ausgang des Restaurants.

Ich setze mich wieder. Unfassbar. Es kommt mir vor, als erlebte ich ein Deja Vu.

Erst vor einem Jahr hat mich mein damaliger Freund sitzen gelassen. Er hatte eine Andere. Eine Arbeitskollegin, das Ganze ging seit wenigen Wochen. Das teilte er mir an einem Abend in einer tollen Szenekneipe mit. Bis zu diesem Geständnis dachte ich, dass er um meine Hand anhält.

„Die Dame, was kann ich Ihnen bringen?“, reißt mich eine Stimme zurück in die Gegenwart.

„Ähm.“, ich gucke Steve den Barkeeper an. Hinter ihm lässt gerade eine hübsche

Brünette eine Olive in einen Martini fallen.

„Einen Martini bitte!“, antworte ich. Was soll’s, ich brauche erstmal einen Drink.

Während ich auf meinen Martini warte, krame ich erneut mein Handy aus der Handtasche.

Dieses Mal blinkt eine SMS auf dem Display auf. „Es tut mir leid!“, schreibt Detlef. Ich drücke kurzerhand den „Löschen“-Knopf und die SMS verschwindet vom Bildschirm. Mit drei weiteren Klicks ist Detlef blockiert.

„So die Dame. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!“. Steve stellt das edle Martini-Glas vor mir ab und lächelt mich aufmunternd an.

„Danke und zum Wohle!“, proste ich ihm zu und nippe an dem Getränk.

Während ich die Olive anstarre, murmele ich vor mich hin. „Wie armselig!“

„Was?“, fragt Steve und stemmt seine Hände in die Hüften. Peinlich der Barkeeper hat mein Selbstmitleid gehört.

„Ach ich meine nur. Ich sitze hier in diesem todschicken Kleid und trinke an einem Samstagabend alleine einen sündhaft teuren Martini. Währenddessen versucht mein dusseliger Ex, seinen Scherbenhaufen namens Ehe zu reparieren!“

Ich weiß nicht, was daran jetzt lustig war, aber Steve grinst mich breit an. „Ach schöne Frau! Ich weiß nicht, was das für ein Idiot sein muss, der Sie sitzen gelassen hat. Aber wenn ich mich nicht täusche, dann hat der junge Mann dort hinten bereits ein Auge auf Sie geworfen.“ Er zwinkert mir zu und deutet mit seinem Kinn hinter mich.

Ich drehe mich verwundert auf dem Barhocker und lasse meinen Blick durch das Restaurant schweifen.

Ein paar Tische weiter entdecke ich ihn. Er passt so gar nicht hierher, in dieses schicke Ambiente. Alle anderen Gäste, einschließlich der Gruppe Männer und Frauen, mit denen er zusammensitzt, tragen teure Roben oder Anzüge.

Er nicht. Er sitzt in einer einfachen Jeans und weißem T-Shirt am Tisch.

Seine langen, braunen Haare hat er zu einem lässigen Dutt gebunden. Durch die leicht gebräunte Haut scheinen seine grünen Augen zu leuchten. Während alle Anderen um ihn herum miteinander in Gespräche vertieft sind, sitzt er einfach nur da und guckt mich an. Als er sieht, dass ich ihn registriert habe, lächelt er mir zu.

Mir wird kurzzeitig heiß. Hoffentlich schießt mir nicht die Röte ins Gesicht.

Mist, schon passiert. Ich muss aussehen wie eine Tomate. Doch das scheint den heißen Typen nicht davon abzuhalten, mir mit seinem Bierglas zuzuprosten. Schnell drehe ich mich wieder um. Steve scheint uns beobachtet zu haben, denn er lacht.

„Na, ist die Dame etwas schüchtern?“

Ich nicke. „Der kann doch nicht mich meinen! Haben Sie gesehen, wie heiß der ist?“

„Jap, das habe ich. Aber ich denke schon, dass er Sie meint, da kommt er nämlich!“, flüstert Steve und wendet sich galant zwei Herren neben mir zu.

Ich vernehme eine raue Stimme dicht neben meinem Ohr: „Ich dachte, ich komme mal rüber, ich bin John!“ Der Klang seiner Stimme an meinem Ohr jagt mir eine Gänsehaut über den Körper.

Ich wende mich ihm zu und sehe, wie er mir eine Hand hinstreckt.

Völlig hingerissen reiche ich ihm meine. „Ich bin Maja, hi!“

„Darf ich mich setzen?“, fragt er, obwohl er sich schon auf den Barhocker schwingt, auf dem gerade mal 15 Minuten vorher Detlef gesessen hat.

Ich ermahne mich schnell, denn Gedanken an diese Flasche von Mann sollte ich jetzt einfach mal beiseiteschieben.

Ich mustere Johns ansprechendes Gesicht nun genauer. Seine grünen Augen leuchten nicht nur, sie stechen regelrecht.

Seine Lippen sind wohlgeformt und der Dreitagebart hat genau die richtige Länge. Ich kann nicht anders und lasse meinen Blick an seinem Körper hinabwandern. Bei seinen lässigen Klamotten handelt es sich ausnahmslos um teure Marken.

Ich nehme an, dass sich das, was sich unter dem T-Shirt verbirgt, durchaus sehen lassen kann.

Als meine Augen wieder in Johns Gesicht ankommen, strahlt er mich mit einem Zahnpastagrinsen an. „Na, gefällt dir wenigstens, was du da siehst?“

Erneut schießt mir das Blut in den Kopf. Ich fühle mich ertappt. Als John aber anfängt zu lachen, falle ich schnell mit ein.

Um auf seine Frage zu antworten, gebe ich zu: „Ja, ist nicht übel, was ich gesehen habe!“

„Ich habe keine Lust mehr auf den edlen Schuppen hier. Und da du eben ja von dem Horst versetzt wurdest, würde ich dich gern mitnehmen. Hast du Lust auf Party?“

Der Seitenhieb in Richtung Detlef hat mir tatsächlich einen Stich versetzt. Aber was solls. Da quatscht mich ein wildfremder Kerl an, der noch dazu zum anbeißen aussieht und fragt mich ob ich Lust auf eine Party habe?

„Klar!“, antworte ich kurzerhand. „Party klingt gut!“

„Super, dann komm mit!“

John schwingt sich vom Hocker und geht kurz zu seinem Tisch zurück. Dort greift er sich seine Lederjacke und verabschiedet sich mit einem: „Bis morgen Leute, war super heute, vielen Dank!“

Alle am Tisch winken ihm zu.

Also ich werde das Gefühl partout nicht los, dass ich diesen Typen schon irgendwo mal gesehen habe.

Aber bevor ich weiter darüber nachdenken kann, hakt sich John bei mir ein und zieht mich mit nach draußen.

„Und wo geht es hin?“, frage ich.

„Wirst du schon sehen. Komm Maja, wir nehmen das Taxi hier!“ John hält mir galant die Tür auf.

Wenige Minuten später brause ich also mit einem wildfremden Typen auf dem Rücksitz eines Taxis durch die Nacht.

Wir fahren nur etwas mehr als zehn Minuten, bis wir vor einem edlen Club halten.

Schon als ich aus dem Taxi klettere, höre ich die Beats und den Bass der Musik im Inneren.

„Sag mal, bin ich nicht zu overdressed?“, ich schaue an mir herab.

„Baby, du siehst umwerfend aus!“, flüstert John. Er steht auf einmal direkt vor mir. Ich kann sogar ein paar Sommersprossen auf seiner Nase zählen. John riecht unglaublich sexy. Eine Mischung aus teurem Parfum und herbem Männergeruch.

Diese Nähe macht mich verlegen, also wende ich mich geschickt ab.

„Nagut, aber warte mal, ich habe eine Idee!“ Ich trete ein paar Schritte zurück und ziehe das Dutzend Haarnadeln aus meiner Frisur. Dann schüttele ich mich kurz und fahre mir mit den Fingern durch meine blonden Locken.

„Schon viel besser so!“, kichere ich.

„Heiß, Maja! Na dann los, lass die Party beginnen!“, wie von selbst hat er meine Hand genommen und zieht mich in Richtung des Eingangs.

Zwei Türsteher begrüßen ihn per Handschlag und lassen uns an der wartenden Schlange vorbei. Offenbar verkehrt er hier öfter.

Im Inneren ist es heiß und laut. Den Club mit seinen exorbitanten Preisen kannte ich bislang nur aus Erzählungen.

John stellt mich umgehend ein paar anderen jungen Typen vor, deren Namen ich sofort wieder vergesse.

Ehe ich mich versehe, habe ich einen Cocktail in der Hand.

Dass der Abend so eine Wendung nimmt, hätte ich nicht mal im Traum vermutet. Statt Oper und Hummer mit Detlef gibt es nun Drinks, Musik, Party und einen heißen jungen Mann.

Nach zwei weiteren Drinks merke ich, wie mich der Alkohol lockerer macht. Ich scherze mit Johns Bekannten, bis sich zwei warme Hände um meine Taille legen und mich geschickt auf die Tanzfläche bugsieren. Mir entgeht dabei nicht, wie wir von allen Seiten gemustert werden.

Ich achte nicht weiter auf die neidischen Blicke der anwesenden Frauen, sondern gebe mich ganz der Musik hin.

John ist ein toller Tänzer und wir verschmelzen zum Takt der Musik immer enger. Meine Verlegenheit von vorhin ist wie weggeblasen. Ich fühle mich einfach nur gut!

„Danke für den tollen Abend!“, jauchze ich John zu, als wir eng aneinandergeschmiegt die Hüften bewegen.

„Der ist noch lange nicht vorbei!“, antwortet John und blickt mir tief in die Augen. Dann nimmt er mein Gesicht zwischen seine Hände.

Ich bin mehr als bereit, als seine Lippen meine finden. Zum Takt der Musik spielen unsere Zungen ein wildes Spiel miteinander. Hände fangen an zu wandern und mich überkommt ein Schauer der Lust, als seine Hände meinen Po berühren.

John scheint dieses zu bemerken und drückt fordernd seine Hüfte gegen mich.

Ich gebe mich völlig den Lippen dieses Mannes hin und genieße den Augenblick. Neben John kann Detlef bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Wir tanzen noch gemeinsam zu einigen Liedern. Bei einem etwas langsameren Song flüstert er mir ins Ohr: „Maja, hast du noch Lust auf eine Privatparty?“

Ich bekomme wieder eine Gänsehaut, die sich dieses Mal in jedes Körperteil ausbreitet. In mir kribbelt es erwartungsvoll. Bei dem Wort „Privatparty“ weiß ich eigentlich schon ziemlich sicher, worauf das hinauslaufen wird. Und ja, ich habe Lust!

Ich nicke John zu.

Schon im Taxi können wir kaum die Finger voneinander lassen. Der Fahrer verhält sich Gott sei Dank diskret und versucht sich aufs Fahren zu konzentrieren.

Da ich so abgelenkt bin, kriege ich überhaupt nicht mit, wohin wir fahren. Doch als wir wieder vor dem Luxushotel parken bin ich etwas erstaunt.

„Ich dachte, wir fahren zu dir?“, frage ich John, der soeben dem Taxifahrer ein großzügiges Trinkgeld zugesteckt hat.

Der nickt und zuckt die Achseln. „Ich wohne hier in einem Hotelzimmer.“

Hotelzimmer ist wirklich untertrieben. John hat eine der drei Luxussuiten bezogen und ich staune nicht schlecht. Allein das Schlafzimmer mit dem riesigen weißen Bett ist so groß wie meine halbe Wohnung.

„Ich muss mal kurz ins Bad!“, löse ich mich ungern von Johns Lippen.

„Okay, aber beeil dich!“, grinst er mich an. „Ich warte im Schlafzimmer!“

Im Bad muss ich einmal tief durchatmen. Nachdem ich mich kurz frisch gemacht habe, streife ich das teure Kleid ab. In BH, schwarzem Spitzenhöschen und halterlosen Strümpfen stehe ich vor dem Spiegel.

Nach einem letzten Blick nicke ich meinem Spiegelbild aufmunternd zu und gehe ins Schlafzimmer.

Dort wartet John bereits mit zwei Gläsern Champagner und einem Teller Erdbeeren. Was für ein Klischee.

Er streckt mir ein Glas entgegen. „Das Outfit gefällt mir sogar noch besser als das Kleid! Hier, der schmeckt gut, lass uns anstoßen!“

Ich nehme ihm das Glas ab und wir prosten uns zu. Der Champagner prickelt und ein Tropfen läuft an meinem Kinn herab.

Ehe ich mich versehe, ist John mit seiner Zunge da und fängt den Tropfen auf.

Ein wohliges Seufzen entfährt mir, als seine Lippen an meinem Hals tiefer wandern. Er schiebt mich langsam in Richtung des Bettes.

Auf dem Weg streife ich ihm sein T-Shirt ab.

„Es gefällt mir sogar ganz ausgezeichnet, was ich jetzt sehe!“, flüstere ich ihm zu.

„Das freut mich sehr!“, antwortet John, bevor wir ineinander verschmelzen.

Am nächsten Morgen wache ich alleine in dem großen Bett auf. Von John ist in der ganzen Suite keine Spur. Lediglich ein weißer Zettel liegt auf seinem Kopfkissen.

„Ich danke dir für die tollen Stunden, Maja! In Liebe, John!“

Noch in Gedanken an die letzte Nacht ziehe ich mich an. Im Zimmer hängt noch sein Geruch. Ich atme tief seinen Duft ein und muss an ihn denken. An seinen Körper, seine warmen Hände und an seine Lippen, die mich heute Nacht wieder und wieder in den Himmel gesandt haben.

Grinsend lasse mich von einem Taxi nach Hause bringen.

Nach einer ausgiebigen Dusche setze ich mich mit einem großen Milchkaffee an den Frühstückstisch. Für ein paar Minuten lasse ich den letzten Abend Revue passieren. Nach dem Zettel auf dem Bett nehme ich an, dass ich John nie wieder sehen werde.

Ich schlage die Tageszeitung auf und verschlucke mich beinahe an meinem Kaffee.

Unter dem Haupttitel: „Newcomer der Rockszene bringt die ganze Stadt zum Kochen“ prangt ein riesiges Foto von John, wie er verschwitzt mit einem Mikrofon auf einer riesigen Bühne steht.

Ich kann es kaum glauben, die heißeste Nacht meines Lebens habe ich mit einem echten Rockstar verbracht.

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