Schreibwettbewerb – Mai – Finalisten – Svenja Bens

Mit der Story von Svenja Bens geht es heute weiter. Vielen Dank für Deine Teilnahme.

Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen,

Euer Lounge Team.


Raum
Svenja Bens

Kälte. Eisige, schneidende, alles lähmende Kälte ist das erste was ich wahrnehme, als ich langsam wieder zu Bewusstsein komme. Sie durchdringt jede Faser meines Körpers, zwingt mich dazu, schneller wach zu werden.
Wo zum Teufel bin ich hier? Ich liege auf irgendwas; unter mir spüre ich etwas hartes und meine Arme und Beine fühlen sich an, als wären sie aus Blei. Mühsam versuche ich meine Augenlider dazu zu bringen, sich wenigstens einen Spalt breit zu öffnen. Sie weigern sich lange und es kostet mich viel Disziplin nicht der Dunkelheit nachzugeben, die weiterhin nach mir greift.
Als ich es endlich geschafft habe, ist Weiß das erste was ich sehe. Aber kein Helles, strahlendes Weiß, es wirkt fast schmutzig und grau. Vermutlich die Zimmerdecke. Ich drehe meine Gesicht mühsam nach links und rechts. Auch dort weiße Wände, allerdings in ein paar Schritten Entfernung. Ich scheine auf eine Art Liege gebettet zu sein. Meine Gedanken sind träge und kaum dazu in der Lage, die Eindrücke vernünftig zu verarbeiten.
Aufsetzen. Ich sollte versuchen mich aufzusetzen. Langsam ziehe ich einen Arm, der gerade ausgestreckt neben meinem Körper gelegen hat näher zu mir heran. Zumindest will ich es. Aber ein Widerstand an meinem Unterarm hindert mich daran. Nur langsam kämpft sich die Erkenntnis einen Weg in mein Bewusstsein. Ich bin gefesselt. Schlagartig wird mir noch kälter und Übelkeit bildet sich als dicker, unangenehmer Klumpen in meinem Bauch. Probehalber versuche ich, auch meinen anderen Arm und meine Beine zu bewegen. Vergeblich. Mein Mund wird trocken. Ich zwinge mich dazu ruhig zu atmen und nicht in Panik zu verfallen. Vielleicht finde ich ja doch einen Ausweg. Wenn ich nur mehr sehen könnte!
Ich hebe meinen Kopf mit dem Ziel, etwas mehr von dem Raum zu erfassen. Mein Körper zittert vor Anstrengung, das Gewicht über meinen Schultern erhoben zu halten, aber schließlich kann ich einen flüchtigen Blick auf meine Umgebung erhaschen.
Das Zimmer ist so gut wie leer. Außer dem harten Ding, auf das ich gefesselt bin, befindet sich eine schlichte Holztür jenseits meiner Füße. Erschöpft lasse ich mich zurücksinken und starre schwer atmend an die Decke. Eine Weile liege ich nur da, meinem Herzschlag lauschend, der sich nur langsam wieder beruhigt. Okay. Ich bin also in einem leeren Raum, auf einer Liege, gefesselt und alleine. Ich habe keine Ahnung wo ich bin und wie ich hier hergekommen bin, aber eines weiß ich sicher: ich muss hier raus. Und zwar so schnell wie möglich. Jetzt, da ich einen Entschluss gefasst habe, beginnt sich der Knoten in meinem Bauch langsam zu lösen. Ich versuche das furchtbare Kopfkino, das mir von blutrünstigen Sadisten mit Küchenmessern erzählt nicht zuzulassen. Wenn ich mich jetzt konzentriere, dann muss ich gar nicht herausfinden, wer mich weshalb hier eingesperrt hat.
Vorsichtig beginne ich damit, meinen Bewegungsspielraum auszutesten. Die Fesseln sitzen zum Glück locker genug, dass ich meinen Arm ein wenig drehen kann. Gut. Erneut hebe ich den Kopf, um Fesseln an meinen Unterarmen näher zu inspizieren. Scheinbar handelt es sich um Riemen, die an der Liege befestigt, einmal um meinen Arm geschlungen und mit einer Art Druckverschluss gesichert sind. Ich lasse mich wieder zurücksinken, überrascht von meiner Entdeckung. Ich bin nicht festgekettet? Meine Augenbrauen ziehen sich zweifelnd zusammen. Das ist zu einfach. Wer auch immer mich hier eingesperrt hat, hält mich entweder für unglaublich dumm, ist es selbst, oder das hier ist eine Falle. Eine ungute Ahnung durchzuckt mich, die ich aber nicht zuordnen kann. Automatisch spannen sich meine Muskeln an. Sollte ich nicht doch lieber hier bleiben? So schnell der Gedanke gekommen ist, so schnell verwerfen ich ihn wieder. Hier bleiben ist keine Option. Schaudernd muss ich an die wenigen Horrorfilme denken, die ich bisher schon gesehen habe. Nein, hier zu bleiben käme einem Selbstmord gleich. Auch wenn das hier eine Falle ist, was ich mittlerweile für fast sicher halte, ist es immer noch besser als hier auf den Tod zu warten.
Ich muss nur irgendwie die Fesseln aufbekommen. Sofort bemühe ich mich, auf dem harten Untergrund so weit wie möglich nach oben zu rutschen, damit ich mit meinen Händen an die Verschlüsse herankomme. Es ist mühsam, mein Körper scheint noch immer zum Teil unter dem Einfluss eines Betäubungsmittels zu stehen. Die Gurte schneiden mir unangenehm in die Haut, während ich mit klammen Fingern an ihnen herumnestle. Noch einmal hebe ich den Kopf, richte meinen Blick konzentriert auf die Schlaufe an meiner rechten Hand. Wenn es mir gelingt den Verschluss herunter zu drücken…
Meine Bauchmuskeln zittern unkontrolliert und Schweiß bildet sich auf meiner Stirn. Lange werde ich diese verkrampfte Position nicht mehr aufrechterhalten können. Als meine Muskeln sich anfühlen, als würden sie in Flammen stehen und ich glaube die Anstrengung nicht langer ertragen zu können, gibt die Fessel plötzlich nach und ich falle vollkommen entkräftet auf den Eisentisch zurück. Mein Kopf kommt dabei unsanft auf dem harten Untergrund auf und verursacht ein dumpfes Geräusch. Sofort liege ich ganz still. Hoffentlich hat man mich nicht gehört! Mit wild klopfendem Herzen horche ich in die Stille hinein. Meine rechte Hand kämpft sich um den mittlerweile gelösten Riemen. Bitte bitte, wer auch immer mich hier festhält darf mich einfach nicht gehört haben!
Ich kneife die Augen fest zusammen hoffe, horche, warte. Nichts. Ich bin mir sicher, dass schon einige Minuten verstrichen sein müssen, aber es hat sich nichts gerührt. Meine Anspannung löst sich langsam und ich wage wieder lauter zu atmen. Vorsichtig Winde ich meinen rechten Arm aus der Schlinge. Endlich kann ich mich halb aufsetzen und auch am anderen Arm den Gurt lösen. Nur wenige Augenblicke später sind auch die Riemen an meinen Beinen geöffnet. Ich bin frei! Mir wird schwindelig vor Erleichterung. Eilig rutsche ich von der Liege. Etwas zu eilig. Das plötzliche Aufstehen überfordert meinen Kreislauf und alles beginnt sich zu drehen. Stöhnend kneife ich meine Augen fest zu während ich mich am Rand des Tisches festklammere um nicht umzufallen. Verbissen halte ich mich aufrecht und kämpfe gegen den Schwindel an. Nach einigen Momenten hört die Welt endlich auf sich zu drehen und ich kann zur Tür laufen. Bevor ich versuche sie zu öffnen, lege ich horchend ein Ohr auf das Holz. Alles ist still. Nach einigen Minuten wage ich es, vorsichtig die Klinke herunterzudrücken. Zu meinem großen Erstaunen ist die Tür nicht verschlossen. Lautlos schwingt sie auf. Nun gut. Ich atme tief durch, setze einen Fuß über die Schwelle und…
Alles wird schwarz. Zu einfach, denke ich noch, während ich das Bewusstsein verliere.
Kälte. Unangenehme, schleichende Kälte ist das erste was ich wahrnehme, als ich langsam wieder zu Bewusstsein komme. Sie jagt mir eine Gänsehaut über die nackten Arme, zwingt mich dazu, schneller wach zu werden.
Wo zum Teufel bin ich hier? Unter mir spüre ich etwas weiches aber meine Arme und Beine fühlen sich an, als wären sie aus Blei. Mühsam versuche ich meine Augenlieder dazu zu bringen, sich wenigstens einen Spalt breit zu öffnen. Als ich es endlich geschafft habe, ist blau das erste, was ich sehe. Ich drehe meine Gesicht etwas. Sitzreihen. Menschen.
Links von mir zieht der Ozean vorbei. Endlich bin ich wach genug um mich zu erinnern. Ich sitze im Bus, auf dem Weg zur griechischen Küste, wo ich mit einer Fähre weiter nach Rhodos fahren werde. Urlaub. Ein wohliges Gefühl breitet sich in mir aus und ich muss unwillkürlich grinsen. Ich scheine ihn noch nötiger zu haben, als gedacht. Schaudernd erinnere ich mich an den Traum von gerade eben. Ich muss wohl während der Fahrt eingeschlafen sein. Schlagartig werde ich mir wieder der Kälte bewusst, von der ich immer noch eine Gänsehaut habe. Ächzend recke ich mich und drehe den Regler der Klimaanlage niedriger. Schon gruselig, wie ich das in meinem Traum aufgegriffen habe.
Aber eigentlich darf ich mich nicht mehr wundern. Ich kenne den Raum. Zu viel Zeit habe ich schon darin verbracht. Viel zu viel. Meine Kehle wird plötzlich eng und ich muss schlucken. Aber ich mahne mich zu Selbstbeherrschung. Schluss jetzt damit. Jetzt, in diesem Moment bin ich nicht dort. Entschlossen schüttele ich den Kopf, wie um der Angst zu zeigen, dass sie mich mal kreuzweise kann. Ich befreie mich aus meiner Starre und beuge mich hinunter um im Rucksack zwischen meinen Beinen nach meinem Pullover zu suchen. Nachdem ich ihn übergestreift habe, verschwindet auch das klamme Gefühl aus meinem Inneren und macht endlich Platz für die Vorfreude. Der Raum ist Vergangenheit. Er hat keine Macht mehr über mich. Wie ein Mantra sage ich mir das immer und immer wieder, während ich meinen Blick wieder der wundervollen Landschaft draußen zuwende. Das Meer glitzert einladend und strahlt mit der Sonne um die Wette. Fast kann ich schon die sanfte Brise auf meiner Haut spüren. Ein glückliches Lächeln bildet sich auf meinem Gesicht. Rhodos, ich komme!

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