Schreibwettbewerb – Mai – Finalisten – Dark Raven

Heute nun geht es schon mit Story Nummer 3 weiter, die es ins Finale geschafft. Dark Raven, vielen Dank für Deine Teilnahme und herzlichen Glückwunsch.

Euch wünschen wir viel Spaß beim Lesen,

Euer Lounge Team.


Chaos im Kopf
Dark Raven

„Verdammt, wie bin ich bloß hierher gekommen“, fragte ich mich. Mich plagte die Übelkeit und ich wusste noch immer nicht, wo ich denn war. Irgendetwas in meinem Drink muss da wohl nicht ganz koscher gewesen sein. So sehr ich auch versuchte mich daran zu erinnern, völlige Leere in meinem Hirn. Meine Klamotten waren noch an Ort und Stelle und ich konnte bisher auch nicht feststellen, dass ich irgendwelche verdächtige Spuren an meinem Körper aufzuweisen hatte. Check. Also, mit wem war ich denn nun verdammt noch mal gestern um die Häuser gezogen? Es war schon zum Haareraufen und langsam machte sich das Gefühl der Beklemmung breit. Das hatte ich schon so lange nicht gespürt. Dunkel erinnerte ich mich, wann genau es das letzte Mal war und ich fühlte mich augenblicklich so richtig beschissen. Mein Kopfkino übernahm gerade mal wieder die völlige Kontrolle. Schon blöd, wenn man die Fähigkeit hat, sich alles bis ins kleinste Detail vorstellen zu können. Manch einer wäre bei meinen Fantasien schon längst davon gerannt. Ich selbst aber konnte damit noch ganz gut umgehen. Warum das so war, konnten mir weder meine Eltern, Großeltern noch andere Verwandte unseres verrückten Familienclans erzählen. Und im Moment war das auch nicht wirklich hilfreich. Noch immer hatte ich noch keinen blassen Schimmer, was ich gestern noch so angestellt hatte. „Wenn nicht mal bald jemand kommt und mir genau sagt, wo ich bin und warum…Den Gedanken hatte ich noch nicht mal bis zu Ende formuliert, geschweige denn ganz ausgesprochen. Da stand plötzlich jemand direkt über mir und grinste mir doch tatsächlich frech ins Gesicht. Ich sah weiße Zähne blitzen, die ordentlich in einer Reihe standen. „Was hat der für ein Glück“, dachte ich noch. Denn ich hatte nicht das Glück, über derartige Gene zu verfügen. Schon frühzeitig erlebte ich regelmäßig den Horror bei einem Zahnarztbesuch. Wenn ich nur daran dachte, und schon bekam ich am ganzen Körper wieder Gänsehaut, genauer genommen nicht nur das. Ich begann zu schwitzen und mir wurde so richtig übel. „Konnte es eigentlich noch schlimmer kommen?“ Eine Frage, die ich auch nicht zu stellen brauchte. Dieser jemand hielt mir ein feuchtes Tuch hin und gab kurz und knapp von sich: „Hier, du siehst so aus, als könntest du das gerade gebrauchen.“ Wie recht er damit hatte, nur sagen wollte ich ihm das noch lange nicht. Also nickte ich leicht irritiert und hoffte darauf, dass er mich nicht weiter mit seiner Anwesenheit beehren würde. Scheiße. Falsch gedacht. Genau das tat er jetzt doch. Ich schluckte meine aufkeimende Panik tapfer herunter und öffnete meine Augen. Meinen Kopf schob ich weiter Richtung der dunklen Stimme, die ich natürlich, wie sollte es anders sein, auch registriert hatte. Oh man, immer dieses alles registrieren-müssen. Und mein Kopf dröhnte schon von all den vielen Eindrücken, die mich zu erschlagen schienen. Nun gut, ich war realistisch genug. Wenn er mir nicht sagen wollte, wer er war, dann würde ich ihn erst mal gewähren lassen. Doch später, wenn er nicht mehr damit rechnet, dann wäre meine Fragestunde gekommen. Dass die dann für ihn nicht so angenehm werden würde, sollte er schon noch merken. Meine Trümpfe hatte ich noch längst nicht ausgespielt. Schließlich war ich nicht irgendjemand. Sollte er doch weiterhin glauben, dass ich ein zartes wehrloses elfenhaftes Wesen wäre, dass immer auf die Hilfe von bulligen, vor Testosteron strotzenden Typen angewiesen wäre. Hoffentlich hatte ich das nicht gerade laut gedacht. Dann wäre ich aber so was von geliefert. Ja manchmal arbeitet mein Gehirn derart auf Hochtouren. Da konnte es dann schon mal passieren, dass ich Dinge laut aussprach, die eigentlich nur für mich gedacht waren. Manch peinliche Situation hatte dies zur Folge. Obwohl, vielleicht wäre ich dann nicht die, die ich heute bin. Wie ein scheues Reh öffnet ich vorsichtig erst das eine Auge und scannte meine Umgebung. Dann noch das andere. Beruhigt blickte ich kurz über meine Schulter. Niemand zu sehen. Falsch. Ich spürte einen warmen Atem, der mir entgegen blies. Da stand ein Typ mit Sonnenbrille, braungebrannt, mit einem Körper, der dem eines Adonis glich. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab. Er musterte mich noch immer und trat noch näher in meinen Komm-mir-bloß-nicht-zu nahe-Bereich. Wieder grinste er schelmich und ich spürte, wie ich mich wohl nicht mehr lange zurückhalten konnte, was mich erheblich Kraft kostete. Aber mein Meister hatte mir ein paar Techniken beigebracht für derartige Situationen. Diese waren jederzeit abrufbar, da ich sie ja derart verinnerlicht hatte. Nach dem schweren Unfall, bei dem meine beste Freundin gestorben war und ich gerade noch rechtzeitig aus dem Wagen krabbeln konnte, war er der Erste an der Unfallstelle. Ich stand noch immer unter Schock, hatte wackelige Knie. Meine Verletzungen hatte ich gar nicht mitbekommen. Aber so war das wohl. Ich war von meinem eigenen Körper außer Gefecht gesetzt worden. Eine Art Schutzfunktion, wie mir später der behandelnde Arzt im Krankenhaus zu erklären versuchte. Doch dessen Erzählungen konnte ich nicht wirklich begreifen und die gingen mir gelinde gesagt, tierisch auf die Nerven. Wer will denn nach einem Unfall, den man als Einzige überlebt hatte, noch irgendwelche saudummen Erklärungen hören? Den zeigt mir mal, wird man nicht finden. Entnervt schaute ich mich um. Meine Augen waren ja nicht verbunden. Auch gefesselt war ich nicht. Die Sonne stand in ihrem Zenit und ich lag auf einer Liege. Über mir befand sich ein Sonnenschirm, der aufgespannt war und somit verhinderte, dass ich zu einem krebsroten Wesen mutieren konnte. Wie umsichtig, selbst daran hatte er gedacht. Noch immer konnte ich mich nicht erinnern, wo ich war und das machte mich so richtig kirre im Kopf. Meine Handtasche lag auch nicht hier. Obwohl ich wusste, ohne eines dieser Dinger verließ ich niemals meine Wohnung. Erst recht nicht, wenn ich um die Häuser ziehen wollte. „Was war das hier also und verdammt noch mal, wo befand ich mich?“, sagte ich wütend zu mir selbst. Der Typ, der zugegeben wirklich nicht schlecht aussah, musterte mich. Es schien ein Spiel von ihm zu sein, kein Wort mehr als nötig mit mir zu sprechen. Aber ich kannte mich und meine nicht vorhandene Geduld. Es würde nicht mehr lange dauern und ich würde mich nicht mehr beherrschen können. Ich konnte dann schon mal richtig austicken und zu einem hysterischen Frauenzimmer werden, was ich an mir hasste. Und irgendwie kam das ohne Vorwarnung zum Vorschein. Trotz aller Therapien, zu denen mich meine überbesorgten Eltern bei den zahlreichen Seelenklempnern geschleppt hatten, war dies nicht in den Griff zu bekommen. Seelenklempner, ein gutes Stichwort. Vielleicht sollte ich meinem, was auch immer er war, einen derjenigen empfehlen, die ich so zahlreich an den Rand des Wahnsinns gebracht hatte. Vielleicht hätten sie hier an diesem Kerl ihre helle Freude. Wo kamen nur wieder diese Gedanken her, über die ich mich schon wieder selbst nur wundern konnte. Ich hatte es wirklich so was von satt, immer dieses gleiche Spiel.“Was hatte ich denn nur verbrochen, dass immer nur dieser Mist passierte? Ja, das war nicht das erste Mal. Anfangs fand ich es ja noch witzig, mich nicht immer an alles erinnern zu können. Doch inzwischen passierte das in schöner Regelmäßigkeit, egal welches Getränk ich zu mir genommen hatte. Also am Alkohol konnte es demnach auch nicht liegen, mutmaßte nun auch mein Meister. Wo war der denn überhaupt abgeblieben? Ich konnte mich nicht wirklich erinnern, wann ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Was war das hier gerade für ein „falscher Film“, den ich zu schieben schien? Keine Ahnung. Doch ich hatte einfach keine Lust mehr, auf dieses saublöde Spiel und einen Kerl mit einem Colgatelächeln, was mich wirklich gerade überforderte. Wie viel Zeit inzwischen vergangen war, mochte ich nicht zu sagen. Noch immer keine Erinnerung, nicht die kleinsten Erinnerungsfetzen, die sich an die Oberfläche kämpfen wollten. Es war doch echt zum verrückt werden. Ich musste eingeschlafen sein, spürte gerade wie sich wieder jemand in meiner Nähe befand. Selbst das kleinste Auftreten von Füßen konnte ich spüren. Ungeahnt dessen was jetzt gleich passieren würde, reckte und streckte ich mich. Ich klammerte mich an den kleinen Strohhalm, dass mich meine Eltern vielleicht schon längst suchen lassen würden. Man hielt mir ein Glas gekühlter Flüssigkeit unter die Nase. „Hier du solltest endlich mal mehr trinken, sonst trocknest du noch aus.“ Hatte der das jetzt gerade wirklich gesagt? Zögerlich umklammerte ich das Glas, roch daran und beobachtete jede seiner Regungen im Gesicht. „Ich werd dich schon nicht vergiften.“ Als wenn ich ihm das glauben würde. Sein gemeißeltes Gesicht ließ mich noch lange nicht vergessen, dass ich noch immer nicht wusste, wo ich hier war und bei wem. Da hatte er sich wohl die Falsche ausgesucht. „Wenn du denkst, dass ich dir vertraue, hast du dich aber so was von geschnitten“, grummelte ich für mich hin und hoffte, dass er es nicht hören konnte. Viel zu spät bekam ich mit, dass er sich neben mich gesetzt hatte. Außer dass mein Körper mal wieder mehr als heftig rebellierte, wenn mir jemand zu nahe kommen wollte. Er nahm meine Hand und fuhr mit seinem Daumen behutsam über meinen Handrücken. Was hatte das nun schon wieder zu bedeuten? Ich wurde nicht schlau aus ihm und fragen wollte ich ihn noch lange nicht. Dafür war ich einfach viel zu stolz. Schließlich war ich doch die Starke, die immer auf andere achtete und nicht das scheue Reh, welches selber Hilfe brauchte. „Du solltest dich endlich mal fallen lassen und nicht immer nur alles kontrollieren wollen.“ Was war das denn jetzt für eine Aussage? Ich hörte noch, wie jemand von Weitem von drei an rückwärts zu zählen begann. Dann schlug ich meine Augen auf. Wo war ich denn und was war passiert? Da stand er plötzlich leibhaftig neben mir, hielt meine Hand und meinte: „Miss, Sie machen wirklich Fortschritte. Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen.“ Jetzt war ich vollkommen verwirrt, zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. „Sie sollten noch ein wenig schlafen. Wir reden später.“ Dann verließ er den Ort, an dem ich mich befand. Jetzt hörte ich das Anfahren eines Busses und langsam ordneten sich meine Gedanken von ganz allein. Hatte ich das hier alles geträumt oder war ich doch zu meiner Reise nach Rhodos aufgebrochen, wie ich es eigentlich mit meiner verstorbenen Freundin geplant hatte?

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.