Schreibwettbewerb – August/September – Autorenstory – Tomasz Bordemé

Mit dieser nun heutigen letzten Autorengeschichte verabschieden wir den Schreibwettbewerb. Vielen Dank, lieber Tomasz Bordemé, dass Du uns als Autorenpate zur Verfügung standst. Ein großes Dankeschön auch für die tolle Zusammenarbeit und für Deine Unterstützung bei unserer Aktion.

Und nun wünschen wir Euch viel Spaß beim Lesen,
Euer Lounge Team.


Bad Girl 51
Tomasz Bordemé

Morgen geht es wieder los. Studium, Seminare, Vorlesungen, Staatsexamen vorbereiten und vor allem die Pro Bono Arbeit in der Kanzlei Roske & Roske. Richtige Klienten mit echten juristischen Problemen, darauf freue ich mich am meisten. Aber heute noch mal einen draufmachen mit den Mädels. Abfeiern bis der Arzt kommt.

Beachparty unten am Fluss – und das mitten in der Stadt? Irgendein Clubbesitzer hat LKW-Weise Sand ankarren lassen. Palmen, geflochtene Rattan Möbel und Fackeln sorgen für das entsprechende Ambiente. Mit einem Strohhalm zerstochere ich die Limetten in meinem Tumbler, schlürfe die letzten Tropfen des Cuba und lasse den Blick über die Massen wandern. Beach ist ein tolles Motto für eine Party, stelle ich fest. Viel nackte Haut, heiße Jungs in engen Shorts und die Mädels, vor allem meine beiden Freundinnen … oh Yeah. Das Glas stelle ich einfach hinter mir ab und tauche in die Menschenmenge auf der Tanzfläche ein.

Ich liebe es zu tanzen. Heiße kubanische Rhythmen, unterlegt mit harten Technobeats. Die beiden Girls nehmen mich in ihre Mitte, als ich sie endlich erreiche.

Ohhhh, das ist so gut, Körper an Körper bewegen wir uns auf engsten Raum. Die Beats und der Alkohol lassen uns schnell die Hemmungen verlieren. Lori sieht in dem engen Jeansoverall von dem sie einfach die Beine abgeschnitten hat, zum anbeißen aus. Und Becks? Ihr Rock ist so kurz, dass man bei schnellen Drehungen einen Blick auf das quietschgelbe Höschen erhaschen kann. Die Bluse, die sie unter ihren Brüsten zusammengeknotet hat, klebt schon an ihrer Haut. Am liebsten möchte ich eine der Spitzen, die frech gegen den Stoff drängen, in den Mund nehmen. Natürlich trägt das Luder keinen BH. Sie kann sich das leisten bei ihrer Wahnsinns Figur. Leider habe ich bei der Ausstattung meiner oberen Etage einmal zu oft ’hier’ gerufen. Deshalb trage ich das Oberteil meines Lieblings Bikinis unter dem rückenfreien Sommerkleid.

Irgendwie haben wir uns bis zu einer Theke bewegt, ganz an den Rand der groben Holzplanken, die als Tanzboden fungieren. Becks streckt mir ihren Arm entgegen, ich sehe das Schnapsglas in ihrer Hand und verdrehe die Augen, denn mir wird klar, es wird ein sehr heftiger Abend. Trotzdem lecke ich artig das Salz, das sie sich auf ihr Handgelenk gestreut hat, gönne mir sogar das Vergnügen meine Zungenspitze bis in ihre Armbeuge gleiten zu lassen. Ich liebe ihren Geschmack und noch mehr liebe ich es die Gänsehaut zu sehen, die sich auf ihrem Oberarm ausbreitet. Lori feuert mich von hinten an, als ich den Kopf in den Nacken lege und die Lippen öffne. Als Becks den Tequila vorsichtig über meine Zunge rinnen lässt, schließe ich die Augen, die ich wieder öffne, um meinen Mund auf Becks zu pressen. Genüsslich lutsche ich die Limette, die sie zwischen ihren vollen Lippen hält. Über Becks Schulter hinweg fällt mein Blick auf ein Paar stahlblauer Augen, die von der anderen Seite der Theke herüber funkeln. Im Flackern einer Stroboskoplampe erfasse ich, dass zu den Augen, die unser Treiben gelangweilt zu mustern scheinen, feine Brauen und eine kantige Stirn gehören. Im Halbdunkel unter den Palmen erkenne ich die Umrisse breiter Schultern und dann einen Arm, der leider um den Rücken einer Frau liegt. Von ihr kann ich nichts sehen, nur den Hinterkopf und glattes schwarzes Haar, das in der Dunkelheit schimmert. Schade, Mr. Unbekannt ist leider vergeben. Doch meine Enttäuschung hält sich in Grenzen, ich muss mich sowieso den Mädels widmen. Das Trinkspielchen sieht vor, dass wir uns reihum gegenseitig Tequila einflößen. Erst ’füttere‹ ich Lori, anschließend verabreicht diese Becks eine Dosis.

Dann ertönt ein Remix von Fatboys Slims ’Praise You’ aus den Boxen. Das ist seit dem ersten gemeinsamen Urlaub unser Song. Kreischend stürzen wir in das Getümmel zappelnder Menschen. J’Lo & Pitbull, Enrique, Shakira, fünf, sechs Songs in Folge verausgaben wir uns, bewegen uns wild tanzend hierhin und dorthin. Bis wir erschöpft an der Theke landen, uns eine Pause und eine Runde Shots gönnen. Mr. Unbekannt ist auf unsere Seite der Theke gewechselt und entpuppt sich in der Tat als Adonis. Während ich Loris Drink vorbereite, checke ich ihn aus den Augenwinkeln ab. Eng spannt ein Shirt über den sportlichen Oberkörper. Braungebrannte kräftige Arme, muskulöse Waden, die aus Army-Bermudas ragen. Ich entschließe mich zu einer kleinen Showeinlage, nicht wegen ihm. Schon gar nicht, weil von der Schwarzhaarigen keine Spur mehr zu sehen ist, sondern einfach so. Den Kopf zur Seite legend streue ich Salz über meinen Hals, bevor ich die Limette zwischen die Zähne nehme. Lori Augen blitzen, Mr. Adonis blickt ungerührt über uns hinweg, als sie sich über mich beugt und ihre Zunge über meinen Hals gleiten lässt. Dann legt sie den Kopf in den Nacken und ich lasse vorsichtig Tequila über den Glasrand in ihren Mund rinnen. Grinsend kommt sie nach oben, öffnet ihre Lippen erst als sie meinen Mund berühren. Sie zieht mich an sich heran und ich spüre, wie die Flüssigkeit meinen Mund füllt. Fuck, jetzt wird es wirklich heiß. Ihre Zunge schiebt sich warm in meine Mundhöhle, in dem sich eine wohlige Wärme ausbreitet. So leicht gebe ich mich nicht geschlagen, dränge ihre Zunge zur Seite und schiebe die Limette mitsamt dem Schnaps zurück zwischen ihre Lippen. Manchmal lässt sich Lori von mir dominieren, doch nicht so heute. Sie richtet sich zu voller Größe auf, ihre Hand ist in meinem Nacken, drängt mich nach hinten. Die Limone schiebt sie mit der Zunge in meine Backentasche und zwingt mich unerbittlich den Tequila – ihren Tequila – mit kleinen Schlucken aufzunehmen, gefolgt von einem heißen Kuss, der leider viel zu schnell endet.

Nun, nachdem sich das Ritual geändert hat, sind Becks und Lori dran, dann Lori und ich. Bereitwillig trinkt sie den Tequila aus meinem Mund, wie ich erleichtert feststelle. Mr. Adonis hat sich klammheimlich aus dem Staub gemacht, wahrscheinlich war ihm unsere Showeinlage doch zu heiß. Selber schuld – ich folge meinen Freundinnen, die mich zu einer weiteren Runde heißer Dance-Moves auf das Parkett ziehen.

Danach brauche ich eine Pause. Entschuldigend halte ich mein Handy in die Höhe. Lori zuckt die Schultern, Becks ist gerade mit einem Latino-Sunnyboy beschäftigt, den sie auf der Tanzfläche aufgegabelt hat. Oder hat er sie aufgegabelt? Egal, ist mir ganz recht, wenn er beim obligatorischen Tequila-Pausen-Snack meine Vertretung übernimmt. Erst mal raus aus dem Getümmel und orientieren. Zwischen zwei provisorischen errichteten Holzhütten hindurch finde ich ein gemütliches Fleckchen direkt am Ufer. Abwesend tippe ich auf dem Handy rum, und genieße das kühle Lüftchen, das mir vom Wasser her entgegenweht, als ein Räuspern hinter mir mich aus meinen Gedanken reißt. Stahlblaue Augen funkeln auf mich herunter – Mr. Adonis – Fuck. Hastig rappele ich mich auf und trete zur Seite, um ihm dem Weg runter zum Ufer frei zu machen. Aber er macht keine Anstalten an mir vorbei zu gehen. Interessiert mustert er mich, was mir Zeit gibt sein Äußeres zu studieren. Ein präzise getrimmter Kinnbart verdeckt ein prägnantes Grübchen, feine Stoppeln überziehen das markante Gesicht. Ein schöner Mund, in dessen Winkel sich die Andeutung eines Lächelns zeigt. Auf einem der hohen Wangenknochen schimmert eine feine Narbe, die sich fast bis zum Ohr zieht. Immer wieder kehrt mein Blick zu seinen Augen zurück, die mich durchdringen wie ich es noch nie erlebt habe. Diese Augen machen mir Angst. Aber die gute Art von Angst, die den Puls schneller schlagen lässt.

»Du bist ein Showgirl, Kleines!«, stellt er fest und das Vibrato der dunklen Stimme lässt mich erzittern, noch bevor ich die Worte richtig verstanden habe. Während mein Verstand sich mit der Frage beschäftigt, ob es eine Beleidigung oder ein Kompliment war, wird mir bewusst, dass etwas bevorsteht, etwas Wichtiges, Einschneidendes. Das ist dieser köstliche spannende Moment, in dem die Muskeln im Körper ihren Dienst verweigern, sodass die Stimme, die im Kopf schreit ›Lauf weg, Emma, lauf so schnell du kannst‹, im Nichts verhallt.

»Ich hoffe, du hältst, was du versprichst, Kleines«, höre ich ihn sagen. Paralysiert starre ich ihn an, bin mir sicher, dass es keine bösen, sondern gute Augen sind. Eine Hand schiebt sich durch den Rand meines Sichtfelds, und ich kann nur hoffen, dass mich meine Menschenkenntnis nicht täuscht, als ich den Griff im Nacken spüre, er sich zu mir herabbeugt und mir seinen Mund auf die Lippen drückt.

Mein Puls legt noch einen Zahn zu. Fast fürchte ich, dass mein Herz aus der Brust springt, aber er zieht meinen Körper hart an sich heran, presst mich gegen seinen muskulösen Oberkörper, als wolle er genau das verhindern. Der Kuss ist fordernd, besitzergreifend. Nein – seine Zunge fickt meinen Mund und mehr noch, den Kopf. Das Klopfen in meiner Brust wird härter und breitet sich als wohlige Wärme in mir aus. Atemlos schnappe ich nach Luft, als er von mir ablässt. Sein Griff im Nacken verhindert schon im Ansatz jeden Widerspruch, als er mich umdreht und gegen die hölzerne Rückwand drückt. Eine Hand gleitet über die Hüfte nach unten, kommt wieder nach oben, das Kleid mit sich ziehend. »Emma«, sagt eine Stimme in meinem Kopf, »du bist keine Schlampe, die sich zwischen den Toiletten auf irgendeiner Party von einem Typen bumsen lässt. Du kennst nicht mal seinen Namen.«

»Leon«, sagt er, als könne er meine Gedanken lesen, bevor er mich an den Haaren in Nackenlage zieht und den Mund wieder auf meine Lippen presst. »Leon«, denke ich verzweifelt, »Leon«, während seine Zunge meinen Mund erobert. »Leon«, ein Echo, an dem ich Halt zu finden suche. Eine Hand streichelt über meinen Hintern, der sich der Berührung unwillkürlich entgegenreckt »Leon«, tastet, fühlt, kneift. »Leon«, hämmert es in meinem Hirn, als die Hand sich zwischen meine Beine schiebt. Finger wandern vorne unter den Bikini, gleiten auf meiner Furche entlang und stoßen schmatzend in die feuchte Grotte.

»Leon«, stöhne ich und zucke erschrocken zusammen, als ich die  kratzige Stimme höre. »Ich mag es, wie du meinen Namen sagst«, kommentiert er das Stöhnen, stößt seine Finger tiefer in mich herein. »Leon«, stammele ich immer wieder, um ihm zu geben, was er hören will, damit er bloß nicht aufhört.

»Du bist ein kleines Luder!«

»Jaahhh«, stöhne ich verzweifelt. Ich weiß, dass es falsch ist. Aber in diesem Augenblick will ich nichts sein als das. Einfach nur ein kleines geiles Luder sein – für ihn.

»Du weißt, was mit kleinen Ludern passiert?«

Sie werden gefickt, denke ich, fürchte ich, hoffe ich.

»Das ist es, was kleine, geile Luder wie du brauchen. Und das – das – das und das!« Mit jedem ’Das’ klatscht eine Handfläche auf die rechte Pobacke und hinterlässt ein Brennen. Hitze, die durch meinen Leib fährt und sich schnell zu einem Steppenbrand ausweitet. Nachträglich wird mir bewusst, dass er mit jedem Schlag die Intensität gesteigert hat, als wolle er meine Belastbarkeit testen. Das spricht irgendwie für seine Erfahrung in diesen Dingen und dieser vage Gedanke sorgt dafür, dass meine Pussy sich regelrecht um seine Finger verkrampft, die mich unablässig ficken und deren Kuppen immer wieder über die empfindlichsten Stellen in meinem Inneren gleiten. Die andere Hand reibt jetzt sanft über den Po, löst sich und ich versteife schon in Erwartung des nächsten Einschlags. Er lacht trocken in mein Ohr.

»Gleich Kleines, bekommst du deinen Nachschlag.«

Zu meiner Überraschung kommt seine Hand nach oben, wo ich mich mit den Händen an der Wand abstütze. Mein Leib stößt gegen die Wand, und ich spüre das grobe Holz an an den harten Nippeln. Mir bleibt kaum Zeit dieses schöne Gefühl zu genießen, denn mein Arm wird nach unten geführt und meine Handfläche liegt plötzlich auf … »Fuck!« … auf einer mächtigen Beule. Vorsichtig taste ich über die Ausbuchtung in den Shorts, die gar nicht aufzuhören scheint. Begeistert lasse ich meine Hand auf und abgleiten, spüre durch den Stoff, wie sich die Männlichkeit mir entgegenreckt. »Das gefällt dir, du kleines verficktes Stück!« Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung, die ich trotzdem mit einem Stöhnen bestätige.

»Aber du bist keine Schlampe, die sich von jedem Typen zwischen zwei notdürftigen Holzbuden vögeln lässt!«

»Ahhh, nein«, stöhne ich und will hinzufügen, ›nicht von jedem, nur heute und nur von dir‹, lasse es aber, weil ich weiß, wie lächerlich es klingen würde. Während mich die Finger unerbittlich ficken, greift er nach meinem Handy, das ich in der rechten Hand halte. »Wenn du diesen Schwanz spüren willst«, sagt er, »wirst du morgen eine SMS an diese Nummer schicken, mit einer Adresse, wo ich dich abholen kann.«

Nummer? SMS? Adresse? Ich komme kaum mit, weil ich wie von Sinnen meinen Körper auf und ab bewege, hungrig nach weiterer Stimulation.

Erschrocken fahre ich zusammen, weil der Rufton eines fremden Handys ertönt. Dann wird mir klar, dass er seine eigene Nummer von meinem Telefon angewählt hat. »Morgen Nachmittag? Sagen wir 17.00 Uhr?«

Irgendwie schaffe ich es, mich lange genug zu konzentrieren, schüttele heftig den Kopf. »Später … ahhh … 18 … ahhh Uhr.«

»Gut.« Seine Hand wandert wieder nach unten. »Sicherheitshalber gehen wir alles noch einmal gemeinsam durch.

»SMS schicken!«  Klatsch – »mit einer Adresse« – Klatsch – »an der ich dich« – Klatsch – »abhole« – Klatsch – »18.00 Uhr« – Klatsch. Er beugt sich über mich, das Gesicht ganz dicht an dem meinen.

»Weißt du meinen Namen noch, Kleines?«

»Leon«, stoße ich spitz hervor und beiße mir auf die auf Unterlippe, weil ein Daumen hart auf meine Perle drückt.

»Dann fehlt uns zu unserem Glück eigentlich nur noch eins.«

Fragend schaue ich ihn an, und bin mir sicher, dass allein sein Blick mich über die Klippe treiben könnte.

»Du kleines Luder musst mir noch deinen Namen verraten!«

»Emma«, wimmere ich.

»Hallo Emma«, haucht er, »schön dich kennenzulernen.«

»Und jetzt liebe Emma, will ich das für mich kommst.«

Dann drückt er seine Lippen auf meinen Mund, und erstickt meine heiseren Schreie, während meine Beine nachgeben und meine Lust über seine Handfläche fließt.

***

Soll ich oder soll ich nicht? Der erste Tag an der Uni ist viel zu stressig, als dass ich Zeit hätte, gründlich darüber nachzudenken, ob ich wirklich diese SMS verschicken will. Beim Frühstück denke ich »Nein, auf keinen Fall«. Nach der ersten Vorlesung hole ich die Unterlagen für mein Pro-Bono Abenteuer ab, suche mir einen Platz in der Cafeteria und mache mich ans Studium der fünf Fallakten, von denen mir eine zugeteilt werden wird. Als ich nach zwei Stunden fertig bin, erwische ich mich dabei, wie ich gedankenverloren mit dem Handy spiele, meine Adresse eingebe und kurz davor bin, auf Senden zu drücken. Stattdessen lösche ich dann den Eintrag ’Leon’ aus der Kontaktliste. Nach dem Mittag, als ich in der U-Bahn sitze, auf dem Weg zur Kanzlei Roske & Roske, erinnere ich mich wieder an den heißen Atem von Mr. Adonis direkt an meinem Ohr, an die Hand, die unerbittlich auf meinen Po klatscht und die Finger, die mich verzückt jauchzen ließen. Was da noch alles möglich ist, wenn er das so schnell mit den Fingern schafft. Alles leugnen hilft nicht, ich sehne mich nach seinen Augen und seiner Dominanz. Nicht zu vergessen, die mächtige Beule in seiner Hose. Dieses prachtvolle Exemplar möchte ich unbedingt mit denHänden erforschen, die Zungenspitze über jede Ader gleiten lassen. Ich würde es mir selbst nie verzeihen, dieses Abenteuer an mir vorbeiziehen zu lassen. Wenn man mich deswegen für eine Schlampe hält, ist das eben so.

Das Unterbewusstsein hat sowieso längst entschieden, wird mir klar. Sonst hätte ich auch die Anruferliste gelöscht. Denn da finde ich die Nummer, die von meinem Handy gestern Nacht angerufen wurde. Meine Adresse sende ich ihm allerdings nicht. Stattdessen schlage ich Treffpunkt den Nordausgang Stadtpark vor, den ich vom Studentenwohnheim in fünf Minuten erreichen kann.

***

Bei Roske & Roske werde ich gleich ins Büro der Chefin geführt. Eine elegante Mittdreißigerin mit hochgesteckten Haaren, die mich über den Rand ihrer Brille hinweg ansieht. Mit knappen Sätzen informiert sie mich über meine zukünftige Aufgabe. Aus den fünf Akten soll ich mir den Fall mit den höchsten Aussichten auf eine erfolgreiche Revision aussuchen. Diesen Fall werde ich mehr oder weniger alleine bearbeiten, jedenfalls soweit es für eine Referendarin ohne juristische Zulassung möglich ist. Wow. Voller Zugriff auf den Pool an juristischen Fachkräften der Kanzlei und ihre Tür steht mir jederzeit offen. Zu der Stelle gehört ein eigenes kleines Büro, das ich jederzeit nutzen kann. Sobald ich meinen Stundenplan habe, soll ich eine feste Bürozeit einrichten. Einen halben Tag pro Woche, ob Mittags oder Abends, sei ihr egal. Sie nickt zufrieden, als ich ihr den Donnerstagnachmittag vorschlage und führt mich in mein Büro, wo ich mich gleich an die Arbeit mache.

Später am Nachmittag stehe ich wieder vor ihrem Schreibtisch mit den geforderten drei Seiten. Aufmerksam liest sie meine Ausführungen, stellt Zwischenfragen, äußert Erstaunen über die Wahl und die Zielrichtung meines Falles, bei dem in der Revision nicht wie in allen anderen um die Aufhebung eines vermeintlichen Fehlurteils gegen den Angeklagten wegen unzureichender Bemühung seitens der Pflichtverteidigung ginge.

»Wäre das erste Mal, dass wir als Nebenkläger an der Seite der Staatsanwaltschaft in eine Revision ziehen«, sagt sie. »Aber ihre Begründung ist exzellent und die Strategie, die sie skizzieren, ist brillant. Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet. Ich freue mich wirklich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen« Ich wachse um mindestens einen halben Meter und strahle wie ein Honigkuchenpferd.

Dann betritt jemand den Raum, und ich sehe meine Träume niedergetrampelt. Verzweifelt sehe ich mich um, in der Hoffnung, dass sich da ein großes Erdloch auftut, in das ich mich verkriechen kann. Mit vor Schreck geweiteten Mund betrachte ich den Mann, der sich über sie beugt und einen Kuss auf ihre Stirn drückt. Die Ahnung verdichtet sich zur absoluten Gewissheit, als er sich umdreht und mich mit großen Augen ansieht.

»Emma?«, auf seinem Gesicht spiegelt sich die Überraschung wieder, mit der er meinen Namen sagt.

»Ihr kennt euch?«, fragt sie.

»Sie ist unser 18.00 Uhr Date«, erklärt er lapidar und ein süffisantes Grinsen huscht über seine Mundwinkel. Hat er wirklich ’unser’ gesagt?

»Entzückend«, sagt sie, ohne die geringste Missbilligung.

»Ich … ich …«, bitte lass das alles nicht wahr sein.

»Ruhig Blut«, sagt er mit sanftem Vibrato, »wir haben jetzt zwei Möglichkeiten. Erstens: Wir setzen uns mit ihrem Projektleiter in Verbindung und bitten darum, dass uns eine andere Referendarin zugeteilt wird.«

Die Frau schüttelt energisch den Kopf.

»Zweitens: Wir vergessen den Vorfall der gestrigen Nacht und konzentrieren uns auf den Fall. Die Menage-au-trois, die ich für heute geplant hatte, fällt dann natürlich aus.«

’Menage-au-trois’, ’geplant’. Oh Gott? Erst jetzt wird mir klar, dass sie die Frau mit dem glatten schwarzen Haar sein muss, von der ich nur den Hinterkopf gesehen habe. Sie setzt ihre Brille ab und kommt um den Tisch. Ihre dunklen Augen wandern an mir auf und ab, als würde sie jetzt erst wahrnehmen, dass zu dem ’brillanten juristischen Verstand’ auch ein Körper gehört.

»Vielleicht gibt es noch eine dritte Möglichkeit«, setzt sie an, »technisch gesehen ist sie als eine studentische Hilfskraft, bei der juristischen Fakultät angestellt, von der sie auch die Vergütung erhält. Korrekt?«

»Korrekt.«

»Unsere Kanzlei stellt dem Pro-Bono-Projekt lediglich Ressourcen und Räumlichkeiten zur Verfügung, Korrekt?«

»Korrekt.«

»Von einem Abhängigkeitsverhältnis kann also keine Rede sein, da es von unserer Seite weder eine Bewertung noch eine Benotung gibt.«

»Mhhh. Normalerweise schreiben wir einen Abschlussbericht, der üblicherweise die Form eines Empfehlungsschreibens hat.«

»Sieh dir mal ihre Mappe an, sie hat schon einen ganzen Stapel von diesen Empfehlungsschreiben. Auf eines mehr oder weniger kommt es da nicht an.«

Nachdenklich zieht er die Stirn kraus. »Ich könnte mich damit anfreunden. Aber wir sollten ihr die Entscheidung überlassen.«

»Ich …«, es wird Zeit, dass ich aus meiner Katatonie erwache und aufhöre zu stottern wie ein Fisch auf dem Trockenen, während die beiden über meine Zukunft verhandeln, »… weiß nicht, was ich mir unter einem solchen Arrangement vorzustellen habe«, bringe ich hervor, glücklich, dass meine Stimme nicht versagt.

»Wir alle verhalten uns innerhalb dieser Räumlichkeiten absolut professionell. Keine Anspielungen, keine anzüglichen Bemerkungen, keine Annäherungsversuche, ganz gleich von wem.«

»Es geht niemanden etwas an«, setzt sie seine Ausführungen fort, »was wir in unserer Freizeit tun, sollten wir uns da zufällig oder unzufällig mal abseits der Kanzlei oder eines Gerichtsgebäudes treffen.«

Abwechselnd sehe ich die beiden an, ihre Augen sind kaum weniger hypnotisch als die seinen. Ich muss mich zwingen, meinen Blick nicht nach unten, über den attraktiven Körper wandern zu lassen, mich sammeln, den Fokus finden. Vor Gericht werde ich mir solche Aussetzer nicht leisten können, wenn ich mal unter Druck oder gar persönlich attackiert werde. Entschlossen nehme ich ihre Augen ins Visier, da sie das vermeintlich schwächere Ziel ist.

»Es ist interessant, dass zu den ersten Dingen, die mir in dieser Kanzlei beigebracht werden, eine Gesetzesauslegung gehört, die gelinde gesagt, mehr als gewagt ist«, zufrieden nehme ich das skeptische Zucken ihrer Augenbraue zur Kenntnis. »Andererseits, bilden Gesetzestexte nur einen Teil der Wirklichkeit ab, wie mein Professor immer zu sagen pflegt.« Erst als ich Zeichen der Zustimmung in den beiden Gesichtern finde, fahre ich fort. »Um ehrlich zu sein, wäre es mir am liebsten, wenn Sie beide gleich und hier und jetzt über mich herfallen«, verkünde ich grinsend, zufrieden über den frechen Ton meiner Stimme und frage mich, ob ich das wirklich gesagt habe. »Aber ja, Sie haben recht. Es wird mir nicht leichtfallen, aber ich werde mich um professionelles Verhalten bemühen. Allerdings habe ich eine Bedingung, was unsere gemeinsamen … Freizeitaktivitäten angeht. Ich glaube, ich brauche ein Safeword.«

Ein breites Grinsen zeigt sich auf ihrem Gesicht, bei ihm ist nur das süffisante Zucken der Mundwinkel zu sehen.

»AGG!«, sagt er leise.

»Mein Safeword ist AGG?«

»Du – entschuldige – Sie kennen doch sicher das AGG?«

»Natürlich kenne ich das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.« Das sind jene Paragraphen des BGB, die auch die Rechtsprechung zur sexuellen Belästigung regeln, wie mir einfällt.

»Gut dann wäre das also geregelt. Gibt es sonst noch Fragen? Dinge, die wir wissen oder beachten sollten?«

»Nein«, ich schüttele den Kopf, »nur eine Bitte. Sie haben ja jetzt meine Adresse, können Sie mich bitte dort abholen. Direkt bei der Einfahrt zur Tiefgarage?«

***

Ein letzter Blick in Becks Spiegel. Die Aufgabe, auf keinen Fall wie eine Anwältin, also absolut unprofessionell auszusehen, habe ich mit Sicherheit erfüllt, wozu ich mich im Kleiderschrank meiner besten Freundin und Wohnungsgenossin bedienen musste. Ich habe mich in eine Jeans-Shorts gezwängt, die so knapp ist, dass es schon bei der gertenschlanken Becks sehr gewagt aussieht, bei mir ist es geradezu obszön. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, darunter ein Bikini-Höschen zu tragen. Ich bin gespannt, ob man mir das als Verstoß gegen das Unterwäsche Gebot auslegen wird. Dazu trage ich ein weißes bauchfreies Top mit Spaghetti-Trägern. Becks Oberteil spannt bei mir natürlich schon sehr und mir fällt es schwer mich zu entscheiden, ob ich den zu knapp bemessenen Stoff nach oben oder nach unten ziehen soll. Entweder ist oben zu viel Dekolleté oder unten …? Was soll‘s denke ich, handele ich mir eben noch eine Strafe ein, falls mir auch ein Bikinioberteil als Unterwäsche ausgelegt wird. Ich entscheide mich für das Pinke, es passt hervorragend zum pinken Aufdruck auf der Rückseite : ’Bad Girl 51’.

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