Schreibwettbewerb – Mai – Finalisten – Christina Sitzmann

Und schon sind wir wieder am vorletzten Tag angelangt. Christina Sitzmann, vielen Dank für Deine Teilnahme und Einsendung Deiner Kurzgeschichte.

Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen,

Euer Lounge Team.


Eine Reise zurück ins Leben – Christina Sitzmann

Gedankenverloren streiche ich mir meine kurzen Fransen zurück und schaue sehnsüchtig durch das Fenster von dem Bus, der mich nach Rhodos bringen soll. Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühle ich mich richtig frei, aber trotzdem blicke ich etwas wehmütig auf den leeren Platz neben mir, der eigentlich für meine Schwester Josephine bestimmt gewesen war. Aber davon lasse ich mir meine gute Laune nicht nehmen, als ich dem hageren blondem Mädchen, das sich in der Fensterscheibe spiegelt anlächle.Vor ein paar Monaten, als Josi und ich diese Reise, buchten hätte ich nicht einmal zu träumen gewagt sie antreten zu können. Wieso?
Genau in diesem Moment hatte ich eine Chemotherapie. Ich bin mit 12 an Leukämie erkrankt und oft war es ungewiss ob ich überhaupt wieder gesund werden würde, aber meine Familie und ich haben nie die Hoffnung verloren. Und genau heute 6 Jahre später, an meinem 18. Geburtstag sitze ich hier und trete eine Reise ein, die mein Ticket zurück ins Leben sein soll. Aber egal wie gut ich mich fühle, das Damokles Schwert der Krankheit und der jahrelangen Qualen hängt immer noch über mir und es hat seine Spuren hinterlassen. Durch die ganzen starken Medikamente habe ich zwar mein Leben behalten, was das größte Geschenk eines jeden Krebskindes ist, aber auch den Körper einer 12 jährigen. Ich bin immer noch sehr klein und zierlich und meine kurzen Haare, die gerade erst zu wachsen beginnen verleihen mir ein jungenhaftes Aussehen. Zudem habe ich auch keine Kurven oder Brüste, die viele Männer so wertschätzen.
Aber dafür habe ich Selbstvertrauen, denn ich Lotta Miller habe den Krebs besiegt, eine größere Spritze für das Selbstvertrauen gibt es wohl kaum. Meine Mutter hat meiner kleinen Schwester Laia immer gesagt, dass ich eine Kriegerin wäre und der Krebs gegen so jemanden wie mich ja überhaupt keine Chance hätte. Ich glaube sie weiß gar nicht, dass ich das gehört habe, aber diese Worte haben mir unglaublich viel Kraft gegeben. Denn es stimmt, ich bin eine Kriegerin. Leider habe ich wie in einem echten Krieg viele meiner Mitstreiter fallen sehen und jeder einzelne hat einen kleinen Teil meines Herzens bekommen. Mit der Gewissheit, dass sie alle niemals vergessen werden. Auch wenn viele irgendwann nicht mehr an sie denken werden, werde ich sie doch immer bei mir tragen.
„Nächster Halt: Hotel Lemarc.“, das ist meine Haltestelle. Aufgeregt zerre ich meine große, schwere Handtasche aus der Ablage über mir und gehe erhobenen Hauptes auf dem kleinen Gang zu den Türen, die sich gerade zischend öffnen.
Ich schließe meinen Augen und setze mutig meinen ersten Schritt auf das heiße Pflaster Griechenlands. Für einen Moment halte ich meine Augen noch geschlossen und inhaliere die salzige Luft des Meeres, genieße die warmen Sonnenstrahlen auf meiner bleichen Haut, den prickelnden Wind in meinem Gesicht und das fröhliche Lachen von glücklichen Menschen. Erst dann öffne ich die Augen und werde sofort von dem hellen Licht der Sonne geblendet, automatisch schiebe ich die Sonnenbrille auf meine Nase und verdecke somit meine strahlend blauen Augen.
Ich hole meinen Koffer und wünsche dem Busfahrer einen schönen Tag, dann gehe ich mit federnden Schritten durch das schmiedeeiserne Tor und dem Pfad, der mit Palmen gesäumt ist entlang, der mich letztlich in die kühle Lobby des Hotels führt.
Sobald ich mein kleines Zimmer mit dem winzigen Balkon und dem weichem Doppelbett bezogen habe, krame ich meinen neuen Bikini aus dem Koffer. Er war ein Geschenk meiner Freunde im Krankenhaus, die nach meiner Reise sofort jedes Detail wissen und alle Fotos sehen wollen. Aber als kleine Entschädigung werde ich jedem eine Karte schreiben und etwas Sand und Wasser vom Meer mitbringen. Als ich ihn anprobiert habe, fühle ich mich trotz der hervorstehenden Beckenknochen und meiner nicht vorhandenen Brüste unglaublich heiß, trotzdem werfe ich auf dem Weg zum Strand ein langes Kleid über.
Aufgeregt tribble ich den Weg zum Strand entlang und muss mich wirklich bremsen nicht loszurennen. Die Straßen Griechenlands sind gesäumt von kleinen Läden und Restaurants und überall wird gelacht und genossen, ich liebe es jetzt schon. Und deswegen beschließe ich heute Abend auszugehen, als ich eine kleine Disko entdecke. Ich war noch nie in so einer Lokalität, aber das werde ich ändern. Es ist Zeit all die ersten Male nachzuholen, die ich im Krankenhaus versäumt habe.
Am Strand angekommen schnappe ich mir eine der heißbegehrten Liegen unter einem großen Sonnenschirm, damit ich bloß keinen Sonnenbrand riskiere. Bevor ich auch nur einen Schritt in die Richtung des riesigen blauen Gewässers mache, packe ich meine Sonnencreme aus und beginne mich großzügig einzucremen. Nur am Rücken habe ich meine Probleme.
„Hey, du siehst aus als könntest du Hilfe gebrauchen. Darf ich?“, ein großer breitschultriger und braungebrannter Mann hat meine missliche Lage erkannt und zeigt nun auf die Creme in meiner Hand, die ich in den tollkünsten Verrenkungen auf meinen Rücken streichen wollte. Mit seinen blonden Haaren und den dunklen Augen, ist er auf alle Fälle ein Blickfang und da ich den Urlaub sicher nicht die meiste Zeit alleine verbringen will, finde ich sein Angebot mehr als nur nett.
„Klar“,lächle ich und reiche ihm die Tube, „Ich heiße Lotta.“
„Malik“,lächelt er und entblößt dabei eine Reihe gerader weißer Zähne. Malik ist eindeutig das Produkt vieler unerfüllter Träume von tausenden von Mädchen, aber nur ich habe den Genuss mich von dem fleischgewordenem Kopfkino eincremen zu lassen.
„Mit dem hohen Lichtschutzfaktor wirst du aber nie braun.“, bemerkt er und streicht mit seinen großen Händen über meinen schmalen Rücken, den leichten Druck den er dabei ausübt genieße ich vollkommen.
„Ich weiß“, lache ich, „Aber das war auch nie mein Ziel.“,gebe ich zu.
„Ach nein?“, er scheint verwundert zu sein, denn seine Hände stocken für einen Moment, „Die meisten Mädchen, die ich kenne würden nur das wollen und dabei noch einen Sommerflirt abstauben wollen.“
„Ich bin aber nicht wie die meisten Mädchen und mit dir habe ich wahrscheinlich schon das große Los gezogen“, erkläre ich unverblühmt, was ihn zum Lachen bringt.
„Stimmt, du bist wirklich anders.“, er schmunzelt, was ich sehe als ich mich zu ihm umdrehe, „Willst du dann trotzdem ins Meer oder ist das zu Mainstream für dich?“, erkundigt er sich zwinkernd.
„Nein absolut nicht.“
Nachdem ich meine erste Scheu gegenüber dem Wasser überwunden habe, habe ich unglaublich viel Spaß und es erscheint mir nur absolut logisch, dass wir uns für den Abend in der kleinen Disko verabreden, die ich zuvor gesehen habe.
Als es langsam kühler wird verabschieden wir uns fürs Erste mit einer langen Umarmung und ich mache mich auf den Weg zurück ins Hotel, wo ich zuerst dem Buffett einen Besuch abstatte.
Dann dusche ich und währen ich warte, dass meine Haare trocknen update ich Josi über diesen aufregenden Tag.
„Mann, Lotti. Du weißt gar nicht wie gerne ich heute bei dir wäre um diesen denkwürdigen Moment mit dir zu genießen.Na ja wenigstens wirkt dieser Malik nett.“, grummelt sie am anderen Ende der Leitung.
„Tja es tut mir ja leid, aber du hast ja beschlossen mich vor einer Woche zur Tante zu machen. Wie geht es eigentlich der kleinen Hanni?“
Als meine Schwester mir damals erzählt hat, dass sie schwanger ist bin ich fast aus allen Wolken gefallen. Mir war ja klar, dass meine Schwestern ihr Leben leben und nur ich gerade im Stand-by-Modus bin, aber es war damals trotzdem krass zu hören, dass meine zwei Jahre ältere Schwester ein Kind erwartet. Zuerst war ich verblüfft und entsetzt wie sie nur ein Baby mit ihrem Freund in die Welt setzen kann, während ich um mein Leben kämpfe, aber bald schon fand ich die Idee schön Tante zu sein und später mit der Kleinen zu spielen und ihr Geschichten zu erzählen.
„Prächtig, aber von mir aus hätte sie gerne noch zwei Wochen warten können. Jonas hingegen blüht hingegen total auf und verwöhnt sie jetzt schon viel zu sehr.“, stöhnt sie gestresst.
„Oh das hört sich so an, als würde Hanni bald mal eine ordenltliche Portion von ihrer Tante brauchen.“, lache ich.
„Ja. Ach ja und Lotti? Zieh heute das graue Kleid an.“

Punkt 10 stehe ich mit besagtem grauen Kleid vor der Tür des Clubs. Das hat mir meine Schwester für die Reise geschenkt und ich kann stolz sagen, dass ich in diesem Kleid sogar wie 14 wirke und auch nicht so abgemagert aussehe wie sonst.
„Hey, eine Person“, gebe ich dem Türsteher deutlich zu verstehen.
„Sorry, Kleine. Aber hier kommst du erst mit 16 rein, also geh schnell wieder ins Hotel zu Mami und Papi.“, dabei verzieht der dunkelhaarige Mann mit den smaragdgrünen Augen spöttisch das Gesicht.
Wortlos ziehe ich meinen Ausweis hervor und knalle ihn auf den kleinen Tresen, dabei funkle ich ihn wütend an.
„Also bitte, diesen gefakten Ausweis kannst du dir sonst wohin stecken. Nie und nimmer bist du 18, du siehst aus wie 13, wenn überhaupt. Du hast ja noch nicht mal Brüste.“, entgegnet er barsch.
„Gut zu wissen, dass du das Alter von Frauen an ihren Brüsten erkennst, aber Krebspatienten sind eher selten vollbusig.“, fauche ich ihn an.
„Ich finde es ja echt geschmacklos, dass du jetzt auf die Tour kommst“, er liest meinen Namen auf dem Ausweis, „Lotta. Denn ich weiß wie Krebspatienten aussehen meine Mutter war selbst eine.“, brüllt er nun und die Menschen hinter mir sehen mich schon erschrocken an, aber ich lasse mich von ihm nicht ärgern und sehe ihn nur provozierend an: „So wie du es gesagt hast, ist deine Mutter gestorben, was mir ernsthaft leid tut. Aber ich weiß nicht ob du Menschen gesehen haben,die den Krebs besiegt haben, denn ich bin so jemand.“, ich schnappe mir meinen Ausweis und wende mich dem Gehen zu, „Aber ja ich fände es auch geschmacklos, wenn jemand so eine Krankheit als Ausrede benutzen würde um in einen popeligen Club zu kommen.“, dann stolziere ich davon.
„Warte!“, aber ich ignoriere ihn.
„Lotta, es tut mir leid. Du hattest recht mit deiner Vermutung. Los geh rein.“, fordert er mich auf und genau das tue ich, nur nicht triumphierend. Sattdessen lege ich meine Hand auf seine Schulter: „Es tut mir leid, dass du diese Erfahrung machen musstest.“ Und bevor er noch etwas antworten kann gehe ich an ihm vorbei.
Drinnen angekommen suche ich Malik und seine Freunde, die ich auch sofort an der Bar sehen kann.
„Hey“, Malik grinst mich lasziv an, „Gut siehst du aus.“, er muss schon ziemlich betrunken sein, denn eine Augenweide bin ich nicht gerade, aber trotzdem nehme ich das Kompliment gerne an.
„Wills du was trinken?“, ich schüttle nur den Kopf, denn die Musik ist unglaublich laut, seine Freunde haben sich bereits verogen. Ich weiß nicht malob sie mich überhaupt bemerkt haben.
„Warum denn nicht?“, und er lehnt sich noch weiter zu mir vor, sodass ich den Alkohol in seinem Atem riechen kann.
„Mir ist nicht danach.“, antworte ich nur, denn irgendwas sagt mir, dass es besser wäre in seiner Nähe keinen Alkohol zu trinken.
„Ach komm schon!“, er tritt noch näher an mich heran und hält mir sein Glas an die Lippen.
Übelkeit und Panik steigen in mir auf, als mir der Zorn in seiner Stimme bewusst wird. Trotzdem presse ich die Lippen fest aufeinander.
„Heute am Strand warst du doch auch nicht so prüde.“, sein schönes Gesicht beginnt sich aus Wut zu einer hässlichen Fratze zu verziehen.
Das ist der Moment, indem ich beschließe abzuhauen, aber Malik scheint das geahnt zu haben, denn er umgreift meinen Arm schraubstockartig und ich bin mir sicher, dass daraus ein blauer Fleck wird.
„Du bleibst hier!“,herrscht er mich an.
„Nein! Lass mich los!“, schreie ich panisch und besuche mich zu befreien, aber es ist auswegslos.
„Hast du nicht gehört du sollst sie loslassen.“, plötzlich steht der Türsteher von vorhin hinter mir.
„Und was passiert, wenn ich es nicht tue?“, Malik blickt ihn provozierend an und verfestigt den Griff um meinen Arm, während ich vor Schmerz aufstöhne, meine Finger beginnen bereits zu kribbeln.
„Dass sie immer so blöd fragen müssen“, sagt der Türsteher eher zu sich selbst, als zu irgendjemand anderen und schlägt im nächsten Moment zu. Vor Schreck lässt Malik meinen Arm los und ich kann mich befreien, aber der nächste Schlag zu dem der Türsteher ausholt und der eigentlich Malik treffen sollte, trifft mich an der Schläfe. Und plötzlich wird alles schwarz um mich.

Als ich wieder aufwache, fühlt sich mein Kopf ganz pelzig an und bin im ersten Moment völlig desorientiert, bis mir wieder einfällt was gestern Nacht passiert ist.
Erschrocken fahre ich aus dem Bett hoch und höre kurz darauf ein dumpfes Plumpsen, als wäre jemand vom Bett gefallen.
„Kannst du mich nicht vorwarnen?“, höre ich eine bekannte Stimme. Es ist der Türsteher von gestern, der mir jetzt verschlafen und mit verwuschelten Augen vom Fußende meines Bettes entgegenblickt.
„Was machst du hier?“, frage ich entsetzt, weil ich eigentlich keinen Besuch erwartet hätte.
„Nachdem du gestern wegen meinem Schlag ausgenockt wurdest, wollte ich wissen wie es dir geht.“, entgegnet er kühl.
„Aber wieso warst du dann die ganze Nacht hier?“, bohre ich weiter.
„Na gut, vielleicht habe ich mir auch Sorgen gemacht.“, gibt er verlegen zu.
„Aber das hat jetzt nichts mit dem armen Mädchen, das Krebs hatte zu tun, oder? Denn auf Mitleid kann ich verzichten!“, stelle ich wütend klar.
„Meinst du echt ich wäre aus Mitleid hier!?“, nun wird er wütend und kommt mir näher, sodass ich sein herbes Aftershave riechen kann, das ein flaues Gefühl in meinem Magen auslöst. Habe ich gestern was Falsches gegessen?
„Wieso bist du dann hier?“, hauche ich. Wieso flüstere ich?
„Ist das nicht offensichtlich?“, sagt er nun genauso leise und ich schüttle nur den Kopf, weil es ganz und gar nicht offensichtlich ist.
„Du bist einfach unglaublich“, lächelt er und überbrückt dann die letzten Zentimeter zwischen uns und küsst mich unglaublich zärtlich. Als wäre ich zerbrechlich und genauso fühle ich mich gerade.
Aber auch einfach unglaublich lebendig.
Als wir uns voneinander lösen, beginne ich zu lachen.
Verwirrt sieht er mich an, denn damit hat er nicht gerechnet.
„Das ganze hier ist viel zu verrückt. Ich kenne dich nur ein paar Stunden und kenne nicht mal deinen Namen.“, jetzt beginnt auch er zu lachen. Ein raues, tiefes Lachen, dass in meinen Brustkrob vibriert.
„Cosmo. Ich heiße Cosmo.“, lächelt er liebevoll.
„Achso na dann“, lache ich und beuge mich erneut vor und küsse ihn, um das Leben einzufangen.
Denn dieser Moment ist das was zählt und nichts anderes. Denn er ist das Leben und das muss ich festhalten.

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