Schreibwettbewerb – Juni/Juli – Finalisten – Janet Beckroth

Mit der Story von Janet Beckroth geht es heute weiter. Vielen Dank für Deine Teilnahme am Wettbewerb und herzlichen Glückwunsch.

Euch wünschen wir viel Spaß beim Lesen,

Euer Lounge Team.


Abschlussball
Janet Beckroth

„Was hältst du von diesem Kleid?“, fragend sah ich meine beste Freundin Sarah an.  Ich hatte ein rotes Kleid mit Spaghettiträgern und tiefem Ausschnitt gewählt. Es sollte doch möglich sein, damit auf dem Abschlussball besonders gut zu glänzen. Schließlich musste ich an diesem Abend Tom beeindrucken. Es war meine allerletzte Chance. Danach würden wir alle unserer Wege gehen und ich würde Tom nicht mehr sehen. Das ganze letzte Schuljahr hatte ich ihm immer wieder Signale gesendet, aber nicht eines davon hat er bemerkt. Es war zum verrückt werden.

„Und?“, wiederholte ich meine Frage. Sarah sah kurz zu mir herüber und verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. „Rot steht dir ja mal so gar nicht. Das solltest du doch nun endlich mal wissen. Hier, probiere mal das Schwarze!“ Damit reichte sie mir ein kurzes, trägerloses Kleid. Ich nahm es und hielt es hoch. Auf den ersten Blick wirkte es nicht schlecht. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich darin über die Tanzfläche schwebte. Und der Gedanke gefiel mir sogar recht gut. Ich verschwand in der Umkleidekabine. Das rote Kleid landete wieder auf seinem Bügel und kurz darauf war ich schon in das kleine schwarze geschlüpft. Ich drehte mich vor dem Spiegel und mein Anblick gefiel mir gut. Das letzte Urteil musste aber meine Freundin fällen, bevor ich mich zum Kauf entscheiden konnte. Ich trat wieder aus der Kabine und sah mich nach Sarah um. Diese stand schon an der nächsten Kleiderstange und durchwühlte die Kleider. „Sarah, schau mal. Wie findest du es an mir?“ Meine Freundin drehte sich um und sofort leuchteten ihre Augen auf. Ich wertete das direkt als gutes Zeichen. Zwei Daumen hoch gab es noch dazu. ‚Alles klar, das wird meins.‘ Ich verschwand erneut in der Umkleidekabine und zog mich wieder um. Mit meiner Auswahl ging ich zu Sarah, die noch mit leeren Händen dastand. „Es gibt einfach nichts für mich.“ Mit einem Seufzer hängte sie ein Kleid zurück. „Ich glaube, ich schaue mal im Internet nach. Da findet man doch fast alles. Lass uns gehen.“ Sie hängte sich bei mir ein und zog mich Richtung Kasse. Schnell war mein Kleid bezahlt. Ganz kurz zuckte ich beim Preis zusammen. Ich hatte gar nicht darauf geachtet. Aber man hatte ja nur einmal Abiball.

Nach der Shoppingtour ging es zu mir nach Hause. Es musste ja noch das Makeup und die Wahl der Accessoires geklärt werden. Auf meinem Bett lagen einige Ausgaben der Cosmopolitan. Da gab es super Beauty-Tipps und tolle Anregungen für Frisuren. Ich wollte einfach umwerfend aussehen. In Gedanken sah ich mich perfekt geschminkt und mit wundervollen, dicken und glänzenden Locken. Sarah hatte gerade eine Seite in der Cosmopolitan aufgeschlagen und zeigte sie mir. „Wie findest du diese Frisur, Jenny?“ Es war eine Hochsteckfrisur, bei der an beiden Seiten Locken über die Schulter herunterfielen. Das Model sah natürlich super damit aus. Aber ich überlegte schon, wie ich das mit meinen Haaren schaffen sollte. Ich war keine Expertin in Sachen Frisuren. „Meinst du, dass ich das hinbekomme?“ Zweifelnd sah ich Sarah an. Die nickte nur. „Na klar. Ich helfe dir doch auch. Mit meinen kurzen Haaren brauche ich ja nicht viel Aufwand betreiben. Da kann ich doch an deinen meine ganze Kreativität auslassen.“ Lachend umarmte ich Sarah. „Wenn ich dich nicht hätte.“

 

Der Abend des Abiballs war gekommen. Sarah war schon am Nachmittag zu mir gekommen, damit wir uns in Ruhe zurechtmachen konnten. Mit Lockenwicklern in den Haaren hatte ich sie empfangen, was mir ein Kichern von Sarah einbrachte. Mittlerweile waren sie raus und meine Haare waren wundervoll gelockt. Sarah hatte, wie versprochen, mir die Haare kunstvoll hochgesteckt und nur einige Strähnen hingen lose herunter. Immer wieder musste ich mir eine Strähne schnappen und sie um meinen linken Zeigefinger wickeln. Sobald ich sie wieder losließ, blieb eine Spirale zurück. Ich war glücklich. Noch nie hatten meine Haare so schön ausgesehen. Und das fertige Makeup rundete mein Erscheinungsbild ab. „Und, kann ich so ausgehen?“ Ich drehte mich vor Sarah im Kreis. Sarah schmunzelte nur. Sie hatte bei weitem nicht so viel Aufwand mit sich selbst betrieben. Sie trug ein Sommerkleid, das ihr gut stand und hatte dezent Makeup aufgelegt. „Klar, kannst du so raus. Aber versuch jetzt nicht, tausend Komplimente von mir abzugraben. Du weißt schon, dass du gut aussiehst.“ Ich streckte ihr die Zunge raus. Typisch Sarah. Sie konnte sich einfach keinen bissigen Kommentar verkneifen. Sie wusste doch, dass für mich alles von diesem heutigen Abend abhing. „Also, wollen wir los?“ Unruhig sah ich zum gefühlt hundertsten Mal auf meine Armbanduhr. Sarah griente. „Du kannst es wohl kaum erwarten, dich Tom zu präsentieren.“ Ich funkelte meine beste Freundin böse an. „Na klar kann ich es erwarten. Aber ich will einfach nicht als letzte aufschlagen. Und wir sind ja auch fertig. Was sollen wir jetzt noch hier warten?“ Sarah grinste weiter. „Schon gut, wir gehen ja jetzt los. Komm, Prinzessin. Auf zur Eroberung deines Prinzen.“ Sie schnappte unsere Jacken und warf mir meine zu. Schmollend zog ich sie über. Musste sich Sarah denn  immer auf meine Kosten amüsieren? Aber ich schluckte meinen Ärger runter. Ich hatte heute andere Prioritäten.

 

Der Abiball fand in einer alten Scheune statt. Man hatte davor eine künstliche Terrasse geschaffen. Sie war für die Tänzer gedacht, denen es in der Scheune zu warm wurde. Innen hatte man mehrere Tischreihen aufgestellt. Wir waren in unserer Stufe ca. 80 Abiturienten und hatten uns geeinigt, dass wir eine Party unter uns haben wollten. Mit den Lehrern und unseren Eltern gab es schon vorher eine Feier, die einen angemesseneren Rahmen hatte. Hier wollten wir einfach so richtig abfeiern, ohne dass uns jemand maßregelte.

Ich sah mich weiter um. Es gab eine kleine Bühne. Ein Mikrofon stand dort bereit und wartete auf Anekdoten, die später zum Besten gegeben werden sollten. Musik lief bereits jetzt im Hintergrund. Sie war noch nicht sehr laut aufgedreht. Der angeheuerte DJ sah gerade seine Sammlung durch und sprach mit einer aus meiner Stufe. Wahrscheinlich gab sie ihm Anweisungen, was so an Musik gespielt werden sollte. Ich hoffte, es würde viel Aktuelles laufen.

Sarah hatte sich zwischenzeitlich zu unseren Freunden gesellt. Sie lachten gerade lauthals los, als ich dazu trat. „Was gibt es denn so Witziges?“ fragte ich neugierig. Sarah versuchte sich einzukriegen. „Du wirst es nicht glauben, aber unser Direx wollte heute hier aufschlagen. Er war der Meinung, dass man uns nicht ohne Aufsicht lassen kann. Nicht, dass wir unsere altehrwürdige Einrichtung in Verruf bringen würden. Und Martin hat ihm mitgeteilt, dass er sich das stecken kann. Ist doch genial, oder?“ Sarah lachte weiter und ich stimmte mit ein. Unser Direx war von jeher ein ängstlicher Typ. Das sah ihm echt ähnlich, hier auftauchen zu wollen. Aber ich glaubte nicht daran. Und wahrscheinlich hatte die Abfuhr von Martin ihr übriges getan. Ich war daher auch schon in Gedanken bei meinem Vorhaben, Tom endlich für mich zu gewinnen. Suchend schaute ich mich daher um, ob ich ihn irgendwo entdecken würde. „Habt ihr Tom schon gesehen?“ erkundigte ich mich bei meiner Truppe. Lina antwortete als erste. „Ja, er müsste irgendwo dahinten sein. Ich glaube, er wollte sich einen Platz aussuchen.“ Damit zeigte sie ans andere Ende der Scheune. Ich folgte ihrem Blick und sah ihn. Er war aber leider nicht allein. Sein Kumpel Erik stand neben ihm. Ich seufzte innerlich. Wenn ich ihn nicht ohne Gesellschaft abpassen konnte, würde ich mich nie trauen ihn anzusprechen. Ich schaute hilfesuchend zu Sarah, die mich mit hochgezogenen Augenbrauchen ansah. Als ich wieder in Richtung Tom schaute, folgte sie meinem Blick. Ihrem Gesichtsausdruck sah ich an, dass sie sofort wusste, was los war. Lautlos formte sie die Worte „Na, mach schon.“  Unbemerkt von unseren Freunden schüttelte ich mit dem Kopf. Da ergriff Sarah die Initiative. „Jenny, ich muss mal für kleine Prinzessinnen. Kommst du mit?“ Ich bejahte sofort.

Draußen legte meine Freundin sofort los. „Du willst doch wohl nicht kneifen? Du hast es selbst gesagt, dass du nur noch heute eine Chance hast. Und das willst du jetzt einfach so vermasseln? Sei nicht feige, okay?“ Ich schluckte nervös. „Er stand doch nicht allein. Erik war bei ihm. Ich pack das nicht, wenn er nicht allein ist. Kannst du mir helfen?“ Sarah schmunzelte. „Na klar helfe ich dir. Ich kann doch nicht deine einzige Chance vermasseln. Wir gehen jetzt zurück und ich lenke Erik ab, während du dir Tom schnappst. Aber ich erwarte keine Ausreden mehr. Verstanden?“ Mit verschränkten Armen stellte sich Sarah bedrohlich vor mir auf. Würde ich sie nicht kennen, hätte ich jetzt Angst bekommen. Aber so viel ich ihr nur lachend um den Hals. „Alles klar, Chefin. Ich kneife nicht.“ Kurzerhand schnappte ich ihre Hand und zog sie mit zurück in die Scheune. Tom und Erik standen immer noch dort, wo sie zuvor gestanden hatten. Kurz blieb ich in der Tür stehen, aber da war es jetzt Sarah, die mich mit sich zog.

 

„Hallo Erik, hallo Tom. Na, habt ihr euch schon Plätze reserviert?“ Sarah schaute von einem zum anderen. Tom antwortete als erster. „Ja, wir sitzen gleich hier. Und ihr zwei?“ Sarah blickte mich an und wartete auf eine Antwort von mir. Aber ich stand stumm wie ein Fisch und glotzte die Jungs dümmlich an. Wie konnte ich nur immer in Gegenwart von Tom so paralysiert sein. Es war furchtbar. Sarah seufzte leise und fuhr fort. „Wir haben noch keinen Plan. Was meinst du, Jenny, wo wollen wir sitzen? Gleich bei den beiden?“ Sie schaute mich auffordernd an und ich nickte bloß stumm. „Ist das in Ordnung für euch oder kommt noch wer anders hier her?“ Aus Sarahs Mund sprudelten einfach nur so die Worte. Erik war es dieses Mal, der antwortete. „Für mich okay, wenn ihr hier mit sitzt, aber nicht den ganzen Abend Weiberkram und so.“ Er feixte und freute sich über seinen Witz. Tom schmunzelte nur dazu. Dabei schaute er mir direkt in die Augen und mein Herz setzte für einen Schlag aus. „Und Jenny, du bist heute so schweigsam. Hast du dir den Ratschlag der Lehrer doch noch zu guter Letzt zu Herzen genommen?“ Ich sah Tom verständnislos an. Seine Worte sickerten nur langsam zu mir durch. Was hatte er da nur gerade gesagt?! Sarah stieß mir leicht den Ellenbogen in die Seite. „Autsch!“ Empört sah ich sie an. Aber sie zischte mir nur leise zu „Willst du Tom nicht antworten?“ und nickte dabei mit dem Kopf in Richtung Tom. Zu Erik gewandt, fragte sie ihn, ob er mit zu den anderen kommen würde. Erik schaute mich an und dann zu Tom. „Versteh schon, wir geben den beiden etwas Raum für ein ausführlicheres Gespräch.“ Und wieder feixte er. Ich lief knallrot an. Die Temperatur in der Scheune musste in den letzten Minuten um ca. 50 Grad gestiegen sein. Schüchtern schaute ich auf meine Schuhspitzen, während mich Sarah noch einmal aufmunternd anstupste. Nur für mich hörbar flüsterte sie. „Du schaffst das schon.“ Ich sah sie dankbar an. Tief durchatmend wandte ich mich zu Tom zurück. „Was hast du gefragt? Ich stand gerade irgendwie auf dem Schlauch.“ Ich versuchte ein Lächeln. „Ich hab nur gefragt, ob du jetzt auf die Lehrer hörst, weil du so schweigsam warst. Im Unterricht hast du doch immer so gern geschwatzt.“ Sein Lächeln ließ meine Knie ganz zittrig werden. Warum nur hatte er ein so umwerfendes Lächeln. Krampfhaft versuchte ich auf seine Frage zu antworten und dabei nicht ganz so dümmlich zu grinsen. Am unverfänglichsten fand ich das Thema, warum wir alle hier waren. „Ach, ich war vorhin irgendwo anders mit meinen Gedanken. Immerhin endet jetzt unsere Schulzeit. Eine Ära geht zu Ende, findest du nicht auch?“ Ja, das war gut gewesen. Fast kein Stottern. Und mein Lächeln fühlte sich langsam auch wieder natürlich an. Tom hörte dabei nicht auf, mich anzulächeln. Es war irgendwie anders als sonst. Meistens hatte er nur ganz kurz mit mir ein paar Wörter gewechselt. Aber jetzt stand er hier bei mir und schien auch nicht weggehen zu wollen. Das ließ mich langsam ruhiger werden. Tom setzte gerade zu einer Antwort an, da tauchte unsere Stufenbeste im Tratschen auf. „Na ihr zwei, so ganz allein hier?“ Ich verfluchte sie innerlich. Endlich hatte ich einen Moment allein mit Tom und er schien auch nichts dagegen zu haben und dann musste ausgerechnet unsere größte Klatschtante aufkreuzen. Tom reagierte als erster auf die Frage. „Ja, was dagegen? Wäre übrigens nett, wenn du Jenny und mich auch wieder allein lassen könntest.“ Ich sah Tom ungläubig an. Und genau den gleichen Gesichtsausdruck sah ich auch bei unserer Klatschtante. Aber sie nickte nur und verschwand genauso schnell, wie sie aufgetaucht war.

„Also, wo waren wir stehengeblieben?“ Tom strahlte mich wieder mit seinem umwerfenden Lächeln an. Aber jetzt bestärkte es mich nur in meinem Vorhaben. „Ich weiß nicht, ist auch egal. Wollen wir ein bisschen rausgehen?“ Wow, wie mutig ich mich auf einmal fühlte. Er hatte für mich unsere Klatschtante weggeschickt. Wahrscheinlich wusste das jetzt auch schon die halbe Stufe, aber das interessierte mich nicht wirklich. „Gern, da ist es bestimmt etwas ruhiger als hier.“ Tom ging voraus und ich folgte ihm dicht auf. Draußen angekommen atmete ich tief durch. Es war angenehmer als in der Scheune, welche sich doch ziemlich durch den warmen Sommertag aufgeheizt hatte. „Es ist angenehm hier. Aber lass uns noch ein Stück weitergehen. Ich fühle mich hier gerade etwas zu sehr wie auf dem Präsentierteller.“ Tom sprach mir damit aus der Seele. Kein Wunder, wo wir doch gerade direkt auf der Terrasse standen. Es waren zwar noch keine Tanzpärchen hier, aber es wuselte doch der ein oder andere hier herum. Wir gingen weiter Richtung des nahen Wäldchens. Während wir so langsam nebeneinander hergingen, sagte keiner von uns ein Wort. Ich schielte gelegentlich zu Tom und versuchte, sein Gesicht zu erkennen. Aber das war nicht möglich. Er starrte die ganze Zeit geradeaus. Was mochte jetzt in ihm vorgehen? Ich hatte nicht einmal ansatzweise eine Ahnung. Es machte mich ganz nervös. Mein Herz klopfte wie wild. Am liebsten hätte ich irgendetwas gesagt, aber meine Lippen klebten fest aneinander. Meine Knie wurden mit jedem Schritt zittriger. Wollte Tom nicht mal langsam etwas sagen? Doch erst als wir am Wäldchen angekommen waren, drehte sich Tom zu mir um. „Jenny, …“ Mehr sagte er nicht. Er sah mir tief in die Augen. Mein Herz setzte aus. Diesen Blick hatte ich noch nie an ihm gesehen. Mein Mund fühlte sich trocken an, als ob ich seit Tagen nichts getrunken hatte. „Ja?“ hauchte ich. Zu mehr war ich nicht imstande. „Jenny, ich… ich wollte schon so lange mit dir sprechen. Aber ich hab mich einfach nie getraut. Und eigentlich trifft man dich auch nie allein an. Sarah und du, ihr seid ja unzertrennlich.“ Er stockte und für einen kurzen Moment waren wir beide wieder stumm. Mit der Hand fuhr er sich durch die Haare, bevor er weitersprach. „Was ich eigentlich sagen will. Ich mag dich und ich hoffe, das beruht auf Gegenseitigkeit. Sonst mache ich mich hier wahrscheinlich total zum Klops.“ Wieder sah Tom mir tief in die Augen. Und während er mich so ansah, näherte sein Kopf sich meinem, um nur kurz danach mit seinen Lippen meine zu berühren. Alles versank um mich herum und ich wusste nur noch eins: Ich war die glücklichste Abiturientin aller Zeiten.

Kommentar verfassen