Schreibwettbewerb – April – Finalisten – Nathalie Maasberg

Und schon sind wir wieder bei Story 3 angelangt, die es ins Finale geschafft hat. Herzlichen Dank, Nathalie Maasberg für Deine Teilnahme.

Wir wünschen allen viel Spaß beim Lesen,

Euer Lounge Team.


Hals über Kopf

Langsam schritt Cat durch die Suite des Hamburger Nobelhotels und strich nachdenklich ihr schlichtes aber edles, schwarzes Abendkleid glatt. Ihr Blick ging durch das Panoramafenster über die Elbe und ihre Gedanken schweiften zurück an das letzte Treffen der Konzernspitze in Las Vegas. Das war nun fast genau ein Jahr her und damals… Cat schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht daran zurückdenken. Mark würde heute nicht hier sein, er hatte die Firma verlassen. Wohin er gegangen war, wusste sie nicht. Vielleicht war es besser so.

Dieses Jahr nun also Hamburg. Sie war froh, dass das Treffen dieses Jahr in Deutschland stattfand, nicht allzu weit von ihrer Heimat Hannover entfernt. Als Managerin in einem internationalen Konzern war sie auch so oft genug mit dem Flugzeug in der ganzen Welt unterwegs. Mark war damals Vice President der Düsseldorfer Niederlassung. Mist, schon wieder Mark. Cat schüttelte den Kopf,  schlüpfte in ihre Pumps und warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Sie sah eine schlanke, gepflegte Frau, die jünger aussah als die tatsächlichen 34 Jahre. Ihr langes, schwarzes Haar hatte sie kunstvoll hochgesteckt. Cat hatte früh gelernt, dass sie keinen üppigen Schmuck brauchte und so trug sie heute auch lediglich eine zarte goldene Kette um den Hals, dazu passende Ohrringe und einen filigranen Armreif. Du bist eine Naturschönheit hatte ihre Mutter immer gesagt, du hast es nicht nötig mit Tand zu protzen. Cat atmete noch einmal tief ein, bevor sie ihr Hotelzimmer verließ.

Der Empfang hatte trotz des edlen Ambiente im großen Salon des Hotels sehr zwanglos begonnen und Cat schlenderte entspannt mit einem Glas Champagner in der Hand durch die Anwesenden, hielt hier und da Smalltalk und nahm Komplimente entgegen. Davon bezogen sich ungefähr die Hälfte auf ihre Arbeit  und die anderen auf ihr Aussehen. Cat genoss beides. „Catherine, schön dich hier zu sehen.“ Strahlend kam Mia ihr entgegen. Cat umarmte die Kollegin, die schon fast eine Freundin war. Mia arbeitete als Assistentin der Geschäftsleitung in der Hamburger Niederlassung und Cat war sich sicher, dass die Organisation dieses Events ganz und gar in Mias Händen lag. Mia war auch die einzige, die von Mark wusste. Naja, nicht alles. Verflixt, schon wieder Mark.

Als hätte Mia ihre Gedanken gelesen, legte sie ihre Hand auf Cats Arm. „Du hast schon mitbekommen, dass er hier ist, oder?“

Cat verschluckte sich fast an ihrem Champagner. „Sag, dass das nicht wahr ist.“ Aber in diesem Moment sah sie ihn schon. Einige Meter entfernt, ihr abgewandt in ein Gespräch vertieft. Eigentlich unterschieden sich die Männer in ihrer Abendgarderobe von hinten nur durch ihre Haarfarbe, soweit noch Haare vorhanden waren. Aber seine breiten Schultern und die schmale Taille im perfekt sitzenden Smoking hoben Mark aus der Masse hervor.

„Der verlorene Sohn wurde mit offenen Armen wieder in der Firma aufgenommen“, spottete Mia. „Aber wenigstens haben sie darauf verzichtet, ein Kalb für ihn zu schlachten“, setzte sie noch trocken hinterher.

Cat hörte ihr gar nicht mehr zu und starrte auf Marks Rücken. Sie sah die Sehnen und Muskeln, als wäre er nackt. Cat kannte jede Faser seines Körpers. Ihre Knie wurden weich. In diesem Moment drehte Mark sich um und entdeckte sie. Ein Lächeln umspielte seine Lippen und er prostete ihr wortlos mit seinem Champagnerglas zu. Cat glaubte, dunkelrot anzulaufen. Hatte er ihren Blick gespürt und ihre Gedanken gelesen? „Entschuldige mich bitte“, murmelte sie in Mias Richtung und schlängelte sich hastig bis zur Bar durch. Dem Impuls, auf ihr Zimmer zu laufen und sich dort für die nächsten zwei Tage einzuschließen, gab sie nicht nach.

Sie scherzte noch mit dem Barkeeper als sie Mark hinter sich spürte. Er hatte sie noch nicht berührt und noch nichts gesagt, aber sie wusste, dass er da war. Sie spürte seinen Atem an ihrem Ohr, als er sie mit Hallo Catherine begrüßte. Zwischen seine Brust und ihren Rücken hätte jetzt kein Blatt Papier mehr gepasst.

Cat atmete tief ein und drehte sich trotz der Enge zu ihm um. Ihr Gesicht war nun gefährlich dicht vor seinem. „Hallo Mark.“ Zwölf Monate schienen von ihr abzufallen wie alter Ballast und sie war überrascht, wie Mark sich in diesem Augenblick entspannte und lächelte. „Danke, dass du mir jetzt nicht deinen Champagner ins Gesicht gekippt hast.“

Cat setzte ihm einen Finger auf die Brust und schob ihn ein Stück weg. Immer noch lächelnd ließ Mark das geschehen und machte einen Schritt rückwärts.

„Das Glas wäre mir zu wenig gewesen und der Barkeeper hätte die Flasche nicht rausgerückt.“ Cat lächelte ihm süffisant entgegen.

„Autsch“, murmelte Mark, aber das amüsierte Funkeln in seinen tiefblauen Augen zeigte Cat deutlich, wie er dieses Spiel zwischen ihnen genoss. Cat auch, musste sie zugeben, ebenso wie die neugierigen und teilweise neidischen Blicke der anderen Frauen, die sie beobachteten. Es war ein Déjà vu, genau so hatte es letztes Jahr in Las Vegas auch begonnen. Dieses Knistern zwischen ihnen, das der Auftakt zu einer wilden Nacht und einem Aufwachen mit Kopfschmerzen und Kater gewesen war. Cat wusste, dass sie es soweit nicht noch einmal kommen lassen würde. Der Nachgeschmack war zu bitter gewesen. Sie spürte Marks fragenden Blick, er hatte ihren leichten Stimmungsumschwung offenbar bemerkt und runzelte die Stirn.

In diesem Moment machte sich Unruhe im Saal bemerkbar und Mias Chef kündigte eine kurze Ansprache des CEO an. Cat drehte sich dem Podest zu, auf das nun ein kleiner, kahlköpfiger Mann kletterte, dem man nicht auf den ersten Blick ansah, dass er Herr über ein gewaltiges, internationales Firmenimperium war. Sein Anzug schien noch aus den 80er Jahren zu stammen und seine roten Wangen konkurrierten farblich mit der entschieden zu breiten Krawatte.  Cat wusste, dass dieser Mann ein brillanter Kopf war und schon viele, die ihn unterschätzt haben, böse Niederlagen einstecken mussten.

Mit leiser, aber fester Stimme begann der Mann seine Rede. Mark schob seine rechte Hand um Cats Taille und zog sie dicht an sich heran. Cat ließ es willenlos geschehen. Ihr Verstand war zwar anderer Meinung, aber ihr Körper ergab sich kampflos.

Die Ansprache des Chief Executive Officer war erfrischend kurz und knackig. In den Beifall hinein raunte Mark ihr „Lass uns reden“ zu, während er ihre Hand nahm, um sie mit sich in das  Foyer zu ziehen. Cat blieb wie angewurzelt stehen und zwang ihn damit, sich zwischen loslassen oder ebenfalls stehenbleiben zu entscheiden. Er entschied sich für stehenbleiben.

„Wozu?“ Catherine sah in fragend an. „Ich kam aus dem Badezimmer und du warst weg. Ich habe dich nie wieder gesehen. Mir blieb die Erinnerung an zu viel Alkohol und zu viel Neonlicht.“

„Du hast gesagt, dass unsere Nacht ein fürchterlicher Irrtum war und du alles am liebsten wieder ungeschehen machen würdest!“ Mark hielt noch immer ihre Hand fest und sah sich unwillig um, denn inzwischen gab es einige interessierte Zuhörer. „Lass uns draußen reden. Bitte!“

Zögernd folgte sie ihm in das weitläufige Foyer. In einer ruhigen Ecke ließ er ihre Hand los und lehnte sich an ein Geländer. Nachdenklich betrachte er ihr Gesicht. Sie war verletzt, keine Frage. Und sie hatte ebenso wie er keine Ahnung, was sie nun tun könnten. Aber es gab da noch etwas, das sie unbedingt klären mussten.

„Es tut mir leid, Cat, dass ich damals einfach verschwunden bin. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, als du mich nach dieser Nacht einfach weggestoßen hast. Vielleicht ging das alles etwas schnell, aber ich habe im Gegensatz zu dir nichts bereut. Und ich liebe dich noch immer.“

Tränen schimmerten in Cats Augen, aber Mark wagte nicht einmal ihrem Blick standzuhalten, geschweige denn, sie in den Arm zu nehmen. Sein Herz raste, seine Brust bebte. Was er eben gesagt hatte, war ihm vorher noch bei keiner Frau über die Lippen gekommen.

„Mark.“ Cat stockte. „Mark, es tut mir leid. Mich hat das Ganze damals einfach überrollt, ich war völlig überfordert mit der Situation. Wenn wir uns nur mehr Zeit genommen hätten!“

„Ich war auch überfordert.“ Mark machte nun doch einen Schritt auf sie zu und zog sie in seine Arme, was Cat ohne Gegenwehr geschehen ließ. Als er merkte, wie sie sich in seinen Armen entspannte, senkten sich seine Lippen auf ihre. Cat erwiderte seinen zarten Kuss erst zögernd, dann mit unerwarteter Hingabe.

„Wir sollten wieder rübergehen, bevor man uns vermisst.“ Cat deutete hinter sich in den Salon. Mark nickte.  Gemeinsam gingen sie wieder zu den Kollegen.

Leider bemerkte Cat den auf sie zusteuernden Niederlassungsleiter aus München etwas zu spät. Ein schmieriger Mittfünfziger mit grenzenlosem Ego und der festen Überzeugung, dass ihn alle Frauen unwiderstehlich finden. Cat sah ein, dass Flucht zwecklos war und ergab sich in ihr Schicksal, als der Mann ihre Hand an sich riss und sie freudig als schönste Frau des Abends begrüßte. Vielleicht hatte er ja ihren Namen ja vergessen. Mark schien ihn auch zu kennen und seufzte leise, als ihm die Hand seines Gegenübers kräftig auf die Schulter schlug. Mit dröhnendem Lachen deutete dieser auf Cat. „Mark, alter Freund, da hast du dir ja gleich das heißeste Weib aus ganz Hannover geangelt. Lässt dir nicht viel Zeit, was? Ich hab ja gedacht, die setzen da einen Newcomer hin, aber dass du jetzt Vize in Hannover wirst, Glückwunsch!“

Cat erstarrte. Wie durch eine Milchglasscheibe nahm sie wahr, wie der Münchener sich verabschiedete und sein nächstes Opfer anpeilte.

„Cat, alles ok?“ Mark sah sie besorgt an. Nein, eigentlich sah er eher zerknirscht aus.

Cat wich einen Schritt zurück. „Wann hattest du vor mir zu sagen, dass du mein neuer Chef wirst?“

„Cat, ich…“

„Jetzt wird mir einiges klar. Erst einmal die Frau wieder klar machen, wie praktisch, dass sie dort arbeitet.“ Cats Stimme wurde lauter und schriller.

„Cat, hör auf, du weißt dass das nicht stimmt.“ Mark machte einen Schritt auf sie zu, worauf sie erneut zurückwich und dabei Mia anrempelte, die inzwischen hinter ihr aufgetaucht war. „Cat? Alles in Ordnung?“ Mia warf Mark einen vernichtenden Blick zu.

„Nichts ist in Ordnung!“ Mit Wut in den Augen drehte Cat sich um und stürzte aus dem Salon. Das konnte doch nicht sein. Was passierte hier? Sie würde Mark nun jeden Tag sehen? Für ihn arbeiten? Ja, sie hatte sich eben sehr wohl gefühlt mit ihm, aber so weit hatte sie nicht geplant. Genaugenommen hatte sie gar nichts geplant und es einfach nur geschehen lassen und genossen.  Und nun? Wie ein Jahr zuvor fühlte sie sich überrollt. Immerhin waren sie beide… Verdammt, wo blieb dieser Aufzug? Cat hämmerte auf die Tasten.

Ohne auf die pikierten Blicke der Umstehenden zu achten, zog sie ihre Pumps aus und steuerte die Treppe an.

„Cat? Hör auf immer wegzurennen und hör mir zu!“ Marks Stimme kam näher und er war ganz offenbar ziemlich aufgebracht.

Cat drehte sich zu ihm um, aus den Augenwinkeln sah sie die neugierig-interessierten Blicke der Wartenden vor dem Fahrstuhl. Und vor ihr stand Mark. Verdammt, der Kerl wurde offenbar von Minute zu Minute nicht nur genervter sondern dabei auch immer attraktiver. Bloß nicht so genau hingucken. „Nein!“

„Cat, wir müssen darüber reden, wie es weitergehen soll.“ Mark wurde lauter und Cat sah Mia und weitere Kollegen hinter ihm auftauchen, die offensichtlich auf das sich hier anbahnende Drama aufmerksam geworden waren.

„Ich wüsste nicht, warum!“ Cat brüllte nun ebenfalls und schickte sich an, die Treppe weiter hochzugehen.

„Wir sind verheiratet!“ Marks Stimme klang wie Donnerhall. Es wurde mucksmäuschenstill um sie herum.

Cat störten die Zeugen nicht mehr. „Das war eine 95 Dollar Hochzeit in Las Vegas mit einem lausigen Elvis-Imitator und meine Trauzeugin war die Toilettenfrau der Wedding Chapel!“

Marks Stimme klang plötzlich sehr erschöpft. „Weißt du was? Wir heiraten einfach hier in Deutschland noch einmal. Vollkommen nüchtern und mit viel Stil. Falls das geht, denn rechtlich ist die Ehe gültig. Von mir aus kannst du dann auch diese Kratzbürste Mia, “ er deutete hinter sich „als Trauzeugin nehmen. Cat?“

Mia schnappte nach Luft.

„Du würdest mich tatsächlich noch einmal heiraten?“ Cat starrte ihn entgeistert an.

„Natürlich“. Ich liebe dich.“

Nachdenklich sah Cat ihn an. „Es gab im letzten Jahr nicht einen Tag, an dem ich nicht an dich gedacht habe.“ Ein Grinsen schlich sich auf ihr Gesicht. „Ich befürchte, ich liebe dich auch, Mark.“

Den Beifall der Umstehenden nahmen sie gar nicht mehr wahr, als sie sich in den Armen lagen und leidenschaftlich küssten.

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