Schreibwettbewerb – Juni/Juli – Gewinnerstory – Christina Sitzmann

Mit der nun heutigen Gewinnerstory von Christina Sitzmann verabschieden wir den Schreibwettbewerb für die Monate Juni und Juli. Herzlichen Glückwunsch Christina und vielen Dank für Deine Teilnahme.
Auch habt Ihr noch weiterhin die Möglichkeit, Euch für August/September zu beteiligen. Alle Informationen stehen im nachfolgenden Link Schreibwettbewerb.

Doch jetzt erst einmal viel Spaß beim Lesen der Gewinnerstory,

Euer Lounge Team.


Lebenshauch
Christina Sitzmann

Absolute Dunkelheit umhüllt mich, während ich auf der alten Schaukel im Spielplatz um der Ecke sitze. Der einzige Laut, der die Stille der Nacht durchdringt ist das Quietschen der alten Schaukel, wenn ich mich bewege. Ich habe keine Ahnung wie ich hier gelandet bin, zu dem fühle ich nichts. Es gibt nur eine große Leere in mir. Aber sollte ich denn nicht etwas fühlen? Man fühlt doch immer etwas, auch wenn es nur Hunger oder Langeweile ist. Aber nein, da ist nichts, kein Gefühl, ich sitze hier einfach nur und schwinge ein bisschen vor und zurück, aber nur so weit, dass meine Füße noch den Boden berühren.

Wie spät ist es eigentlich? Intuitiv schaue ich auf mein linkes Handgelenk, aber ich kann keine Uhrzeit erkennen, denn es befindet sich Wasser in meiner altmodischen Armbanduhr. Wie kam das denn da hinein? Ein ungutes Gefühl macht sich bei diesem Anblick in meinem Bauch breit.

Mutter würde sehr wütend sein.

Woher kommt dieser Gedanke und woher weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass es stimmt?

Am besten ich fange mal bei den Grundlagen an, dann weiß ich vielleicht auch wie ich hier gelandet bin und wieso Wasser in meiner Uhr ist. Also ich bin Paige McKenzie, bin 19 Jahre alt und habe rote Locken, smaragdgrüne Augen und eine blasse Haut die mit tausenden von Sommersprossen übersät ist. Oh und ich habe auch eine Schwester: Melody! Wir sehen uns recht ähnlich nur sind ihre Augen kristallblau und ihre Haare glatt.

Und sie mag mich nicht.

Wieder dieses Gefühl und wieder bin ich mir sicher, dass es stimmt. Aber warum?

Und im Sommer sitzt sie gerne auf der Terrasse wie meine Mum.

Schon allein bei dem Gedanken an meine Mutter läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

Ach ja alle McKenzies kommen aus Irland und haben das typische Aussehen. Ich mag Irland, aber wir wohen dort nicht mehr sondern in England.

Plötzlich steigt mir ein brennender, intensiver Geruch in die Nase, der mir komischerweise bekannt ist.

Whisky!

Stimmt, mein Dad trinkt Whisky, sehr viel sogar. Er ist Alkoholiker. Ich schätze ich mag ihn, denn mein Herz wird ganz warm bei den Gedanken an diesen Mann, wobei es bei meiner Mutter zu gefrieren scheint.

Habe ich eigentlich Freunde?

Doch da ist jemand. Obwohl, da war jemand. Ein Bild von einem schönen jungen Mädchen mit kurzen blonden Haaren und grauen Augen erscheint vor meinen inneren Auge. Das ist Amber, nein war Amber. Sie ist tot. Gestorben bei einem Autounfall vor ein paar Monaten, zusammen mit ihrer ganzen Familie. Ich habe ihre Familie geliebt, mehr als meine, deswegen war, nein bin, ich immer noch sehr traurig. Wahrscheinlich habe ich sehr viel Schönes mit ihnen erlebt, auch wenn ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann.

Aber wieso?

Frustriert seufze ich auf und schaue nach unten.

 

„Oh schon wieder jemand Neues… Hallo!“, höre ich eine Stimme ganz nah bei mir und plötzlich quietscht die andere Schaukel, es muss sich also jemand zu mir gesetzt haben. Langsam hebe ich den Blick und bemerke, dass der Himmel nicht mehr tiefschwarz ist sondern gräulicher und aus einer Ecke ein helles Licht kommt, wahrscheinlich von irgendeiner Straßenlaterne, die plötzlich angegangen ist. Die andere Hälfte des Spielplatzes um die Ecke ist immernoch in Dunkelheit gehüllt.

Jetzt sehe ich endlich zur Person neben mir.

„Amber!“, rufe ich erschrocken, als ich das Mädchen vor mir erkenne, „Aber wie kann das sein. Du bist tot!“

„Jaja schon gut. Reib es mir nur unter die Nase, Paige. Das weiß ich selber gut genug.“,lacht sie und mustert mich mit Freude in ihrem Blick. Aber nur eine Sekunde später ist die Freude verschwunden und man könnte meinen es wäre ihr lieber, wenn ich nicht hier wäre. Halluziniere ich etwa? Oh nein, ich werde verrückt! Ich starre Amber weiterhin mit riesigen Augen an, als wäre sie eine Erscheinung… Und genau genommen ist sie das ja auch.

„Hey Paige, beruhige dich. Ich kann deine Gedanken ja förmlich hören.“, sie legt mir eine Hand auf die Schulter und sofort beginne ich zu zittern, denn sie ist eiskalt. Aber zeitgleich ist es eine Berührung, die mir unheimlich vertraut ist und, die ich schmerzlich vermisst habe.

„Sorry“, sie wirkt zerknirscht und nimmt ihre Hand weg, aber die Kälte bleibt, „Mist! Jetzt habe ich dafür gesorgt, dass du unterkühlst. Das ist der Nachteil, wenn man tot ist, man ist immer kalt.“

„Aber wie kann das sein? Wenn du tot bist und ich lebe, wie kannst du hier sein?“, ich sehe sie fragend an.

„Das kann ich auch gar nicht. Ich bin schon am Tag meiner Beerdigung durch das Licht gegangen, übrigens hat uns deine Rede alle sehr gerührt. Sie war wundervoll.“, ihre Augen schimmern verdächtig, „Aber ich schweife schon wieder ab. Das ist so eine schlechte Angewohnheit von mir, aber das weißt du ja.“, lacht sie nun und auch mir zaubert sie ein Lächeln ins Gesicht, denn auch der Tod hatte ihr, ihr freundliches Wesen nicht genommen. Aber meine Frage ist immer noch unbeantwortet.

„Wir Toten können nur noch auf die Erde um unsere lebenden Mitmenschen zu besuchen, aber nicht mal das kann ich, weil ich ja ins Lich gegangen bin. Du bist es also, die zu mir gekommen ist.“, schlussfolgert sie und sieht mich dabei unfassbar traurig aus ihren Huskyaugen an.

„Ich! Aber… Wie? Ich kann mich nicht erinnern gestorben zu sein!“, ich starre sie ensetzt an, aber gleichzeitig empfinde ich diese innere Gewissenheit, dass Amber recht hat.

„Du bist auch noch nicht ganz tot, da steckt noch ein Lebenshauch in dir und den solltest du nutzen um hier wegzukommen.“, drängt sie.

„Du bist doch auch hier. Ich könnte doch einfach bei dir bleiben!“

„Ach Paige.“, sie sieht mich an wie eine Mutter ein Kind, wenn es einen unsagbar dummen Fehler gemacht hat, außer meine, sie hätte mich geschlagen.

„Siehst du das Mädchen dort hinten in dem blauen Kleid?“, als ich nicke fährt sie unbeirrt fort, „Das ist Eve. Eve hat sich umgebracht nachdem sie sich nicht gegen eine Konkurrentin durchsetzen konnte und es nicht auf das Cover der Cosmopolitan geschafft hat. Seitdem sie hier von den Schlaftabletten aufgewacht ist bereut sie diese Tat jede einzelne Sekunde. Und der Junge dort drüben mit dem Lockenwickler im Haar. Das ist Josè er hat sich von einem Balkon gestürzt, weil niemand akzeptieren konnte, dass er lieber ein Mädchen wäre.“

„Aber wieso erzählst du mir das alles?“,frage ich sie reichlich verwirrt.

„Weil auch du eine Selbstmörderin bist.“

Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Seit Ambers Tod, bin ich depressiv und die Missachtung meiner Schwester hat mir mehr zugesetzt als sonst. In meinem Leben gab es nur noch einen Lichtblick und das war Alec, mein Freund. Aber als ich heute Abend bei ihm war, war er anders als sonst. Komischer. Normalerweise war er nett und aufmerksam, doch heute hatte er mich nur grob geküsst und wollte mit mir schlafen, da ich aber einfach noch nicht bereit dafür war habe ich mich gewehrt. Alec wollte mich aber nicht gehen lassen. Ich habe um mich getreten, geschlagen und gebissen bis er von mir gelassen hat, aber da war es schon zu spät. Als ich dann schließlich nach Hause kam und den Trost meiner Mutter oder die Liebe meines Vaters gebraucht hätte, hat mich meine Mutter verprügelt, während mein Vater im Nebenzimmer besoffen seinen Rausch ausschlief und dann hatte ich ES getan.

Amber scheint zu wissen, was passiert ist, denn sie sieht mich mitfühlend an: „Ich hab dir doch schon immer gesagt, dass Alec nichts für dich ist.“, ich nicke bloß, denn es stimmt und wie immer hat sie recht behalten.

„Gut, jetzt weiß ich also weshalb ich hier bin, aber wieso zeigst du mir diese wandelnden Gestalten?“

„Seitdem ich hier bin habe ich sehr viele junge Leute kommen sehen, die sich alle aus schrecklichen Gründen umgebracht haben, aber viele von ihnen haben es bereut und wünschen sich jede Sekunde wieder in ihr Leben zurück. Weißt du, ich hab dir doch vorhin von dem Licht erzählt.“, ich nicke nachdenklick, „Ich konnte es an demTag meiner Beerdigung sofort passieren, weil es nichts mehr gab, was mich in meinem Leben festgehalten hat. Natürlich gab es Menschen wie meine Oma oder dich, die ich gerne noch besucht hätte, aber ich war im Reinen mit meinen Leben. Ich musste zwar viel zu früh gehen, aber ich hab es nicht beendet und muss mir keine Gedanken darüber machen, was gewesen wäre. Im Gegensatz zu diesen wandelnden Schreckgespenstern.“, entsetzt sehe ich sie bei dieser Wortwahl an.

„Sorry, Geisterhumor“,lacht sie, „Nein, aber schau sie dir an. Eve und Josè sind nur ein Beispiel von unzähligen Jugendlichen, die ihr Leben beendet haben und dann hier feststecken, weil es noch so viel für sie gegeben hätte und sie das zurück haben wollen, aber für sie ist es vorbei.

Weißt du, das Leben ist wie eine Tanzfläche, du kannst nicht immer vor Freude darauf herumspringen, manchmal kommen auch traurige Lieder und manchmal magst du einen Song vielleicht gar nicht. Aber das alles ist viel besser als in einer leblosen Hülle zu stecken und nichts mehr zu spüren. Oder hattest du seitdem du hier bist ein einziges richtiges Gefühl?“

„Nein“, antworte ich betreten, „Da ist nur diese Leere und sie frisst mich auf.“

„Genau deshalb solltest du gehen solange du noch kannst, denn wenn du jetzt bleibst, bleibt auch die Leere und wenn du jetzt gehst und irgendwann, wenn deine Zeit vobei ist wieder kommst wird es nicht die Leere sein, die dich beherrscht sondern Friede und Liebe.

Also geh und ändere was an deinem Leben und ich will dich erst wieder sehen, wenn du grau und runzlig bist. Das Leben hat noch so viel für dich zu bieten Paige!“

 

Wie von einer unsichtbaren Hand angeschoben lasse ich Amber hinter mir und gehe auf die immer noch in Dnkelheit gehüllte Seite des Spielplatzes zu, aber dort wird es allmählich heller, was mich dazu veranlasst schneller zu gehen. Statt zum Ausgang gelange ich in einen dunklen Tunnel in den ich ohne zu zögern gehe. Ich will noch nicht gehen. Ich werde eine Terapie machen und von zu Hause fortgehen und Melody werde ich mitnehmen, aber dafür muss ich zurück. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.

Schon bald bemerke ich wie der Tunnel ansteigt und ich immer mehr an Kraft verliere. Kurz darauf  wird mir unheimlich kalt und ich schlottere am ganzen Leib. Tja es hat ja niemand gesagt, dass es leicht werden würde. Das Leben ist vielleicht nicht die leichteste Option, aber mit Sicherheit meine einzige. Ich muss meinen Fehler beheben. Angetrieben von meiner Entschlossenheit kämpfe ich mich den glitschigen Tunnel hinauf. Je höher ich komme desto nasser werden meine Klamotten und aus meinen roten Locken rinnt bereits das eisige Wasser des Sees hinter unserem Haus. Ich hatte mich doch nicht…? Gleichgültig wie präzise Amber bei dem Tod von Eve und Josè war, meinen hatte sie verschwiegen. Oder wusste sie es vielleicht gar nicht. Ich habe nämlich mittlerweile einen finsteren Verdacht.

Egal, darum kann ich mich auch später noch kümmern jetzt heißt es durchhalten bevor es zu spät ist. Schritt für Schritt kämpfe ich mich voran, mittlerweile muss ich zwar nicht mehr nach oben laufen, dafür kommt immer mehr Wasser in den Tunnel. Mein restlicher gesunder Menschenverstand erklärt mir, dass ich ertrinken werde, aber meine innere Amber sagt mir, dass ich weiter muss und ich besser mal schneller sein sollte als das Wasser. Also setze ich weiterhin einen Schritt vor den anderen, aber das Wasser steigt immer höher.

Als meine Füße den Kontakt zum Boden verlieren beginne ich zu schwimmen. Ich bin keine gute Schwimmerin, weshalb ich bei der starken Strömung die jetzt auftritt nur langsam vorankomme. Ich beginne zu verzweifeln und würde am liebsten weinen. Ich. Will. Nicht. Sterben.

Verzweifelt schreie ich auf und schwimme weiter. Da vorne kann ich ein großes schwarzes Loch sehen. Ob das das Ende ist? Ich hoffe es so sehr, denn der Wasserpegel hat schon fast die Decke des Tunnels erreicht. Ich schnappe noch einmal tief nach Luft und versuche das letzte Stück zu tauchen. Blöderweise ist mein Körper von dieser ganzen Nahtod-Sache und dem Kampf zurück ins Leben ziemlich geschwächt, weshalb meine Muskeln so lanngsam zu streiken beginnen. Trotzdem kämpfe ich mich weiter voran. Meine Lunge droht schon zu bersten, aber ich lasse den Mund geschlossen, denn wenn ich jetzt Wasser einatme dann ist es vorbei. Dann bekomme ich Panik.

Meine Kräfte schwinden immer mehr, aber der Tunnel kommt nicht näher. Muss ich vielleicht…? Aber das ist doch absurd, aber irgendwie auch logisch. Langsam lasse ich die Luft zwischen meinen Lippen entweichen und sinke immer tiefer. Ich habe mich ertränkt um dem Leben zu entkommen, jetzt muss ich das Gleiche tun um wieder zurück zukommen. Es kostet mich zwar einiges an Überwindung, aber letztlich lasse ich auch den letzten Rest Luft entweichen.

Keuchend ringe ich nach Atmen und ziehe gierig die Luft ein, während ich mich schlagartig aufsetze und meiner Schwester entgegenblicke. Unter ihren Augen liegen dunkle Schatten und sie ist noch blasser als normal, zudem sind ihre Wangen tränenüberströmt.

„Paige! Du lebst!“

Ja, ich lebe, ich habe es tatsächlich geschafft. Freude erfüllt mein Innerstes und wärmt mich. Fröhlich heiße ich alle Gefühle willkommen, die guten und die schlechten, die auf mich einprasseln. Sie sind alle so viel besser als diese verdammte Leere. Das herausstechenste Gefühl von allen ist aber die Dankbarkeit, die Dankbarkeit dafür noch Zeit zu haben. Zeit um zu lieben und um geliebt zu werden. Zeit um zu lachen und um zu weinen. Zeit für alles, was man an einem Tag schaffen kann und über noch viel längere Zeit. So viel Zeit wie ich geschenkt bekomme.

„Dein Herz hat vor 5 Minuten aufgehört zu schlagen und jetzt bist du wieder da, ich bin so glücklich. Ich hätte mir das nie verziehen.“, bei diesen Worten fangen die Tränen wieder mehr zu fließen an und sie schlingt ihre Arme um mich.

„Aber du magst mich doch nicht mal.“

„Nein, Paige. Ich liebe dich. Ich hatte nur Angst, dass Mutter noch gemeiner zu uns wird, wenn sie weiß, dass sie uns gegeneinander ausspielen kann. Ich wollte dich immer nur beschützen.“, erklärt sie unter Tränen.

„Aber wieso hast du denn nie was gesagt?“

„Weil du nicht Lügen kannst und sie es sofort bemerkt hätte.“

„Melody?“

„Ja?“

„Lass uns verschwinden. Und nie mehr zurückkehren.“

„Okay.“

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