Rezension „Nicht weg und nicht da“ von Anne Freytag

Cover
Ein berührendes und wunderschönes Cover, das perfekt zur Handlung passt. Eine Person hangelt sich im sternenklaren Himmel hinauf und zwei Personen stehen Händchen haltend dabei. Die Bedeutung dieser Situation offenbart sich beim Lesen der Geschichte und somit verströmt dieses Bild für mich eine wärmende, liebevolle und beschützende Geborgenheit.

Protas
Luise trauert um ihren verstorbenen Bruder Kristopher, der sich selbst das Leben genommen hat. Dieser schwere Verlust bringt sie sogar dazu, sich den Kopf kahl zu rasieren und eine Therapie zu beginnen. Doch selbst der geschulte Psychologe kann Luises Schutzmauern anfangs nicht einreißen. Erst als sie nach einer Sitzung im Treppenhaus fast zusammenbricht, begegnet sie einem jungen Mann, zu dem sie sofort eine besondere Verbindung spürt. Jacob, der selbst ruhig und in sich gekehrt ist, versteht Luise ohne Worte. Sie schweigen gemeinsam, und wissen doch immer was der andere denkt und fühlt. Als Luise an ihrem Geburtstag plötzlich eine E-Mail von ihrem toten Bruder erhält, gerät ihre Welt erneut aus allen Fugen. Immer weitere Nachrichten erreichen sie, in denen ihr Bruder Aufgaben bereithält, die Luise beim Loslassen helfen sollen. Luise hat Jacob stets an ihrer Seite und schon bald folgt auf ihre Trauer ein klitzekleiner Lichtblick.

Schreibe & Inhalt
In ihrem neuen Jugendroman behandelt Anne Freytag das Thema Freitod. Also, wahrlich keine leichte Kost. Luise musste immer zurückstecken, denn sie ist gesund und ihr Bruder krank. Kristophers bipolare Störung, eine Krankheit die zu extremen Stimmungsschwankungen führt, hat Vorrang vor allem. Doch trotz dieser Tatsache liebt und vergöttert sie ihren Bruder über alles. Als dieser sich dazu entscheidet, freiwillig aus dem Leben zu treten, ist Luise am Boden zerstört. Ihre Mutter bleibt dem Zuhause fern und der Psychologe macht auch keine Fortschritte. Luise steckt in ihrer Trauerphase fest und findet nicht in den Alltag zurück. Erst als sie Jacob begegnet, findet sie ganz langsam einen Weg aus ihrem Schockzustand. Jacob ist ein stiller junger Mann, der allein mit seinem Bruder lebt. Auch er hat mit Dämonen aus der Vergangenheit zu kämpfen, die ihn bis heute nicht loslassen. Luise besitzt eine besondere Ausstrahlung, die ihm sofort ins Auge fällt. Ganz untypisch für ihn, denn eigentlich bevorzugt er die Stille und lässt keine Menschen an sich heran. Zwei Personen, die ein schweres Schicksal erleiden mussten, und sich gegenseitig heilen. Die Protagonisten und Nebencharaktere sind mit Liebe zum Detail gestaltet und verschaffen diesem Buch eine ganz einzigartige Atmosphäre. Der Schreibstil der Autorin ist einfach fantastisch. Mit kurzen und einfachen Sätzen, gelingt ihr eine Gefühlsexplosion der Sonderklasse. Ich finde es großartig, dass die Trauerbewältigung mit Abschied, Loslassen und sich für Neues öffnen, im Vordergrund steht. Die Liebesgeschichte zwischen Luise und Jacob fungiert lediglich als Anstoß in die richtige Richtung, überlagert die eigentliche Handlung aber keineswegs. Ich bin absolut begeistert, wie die Autorin dieses ernste Thema verpackt, sodass am Ende das Gefühl der Hoffnung und Zuversicht alles in den Schatten stellt.

Spannungsbogen
Das Buch vermittelt ab der ersten Seite eine enorme Anziehungskraft. Schon der Aufbau mit den relativ kurzen Kapiteln ist etwas Besonderes. Der Leser begleitet Luise durch die verschiedenen Phasen ihrer Trauer und kann nicht anders als mitzufühlen. Man erlebt wie die Wut immer kleiner wird und sie ihrem Bruder Verständnis entgegenbringt. Seine in der E-Mail gestellten Aufgaben sind der Beweis dafür, wie sehr er seine Schwester geliebt hat. Nicht jeder Mensch erhält die Möglichkeit, sich so von seinen Liebsten zu verabschieden. Diese Aufgaben und die unerwarteten Enthüllungen erzeugen eine Spannung, der man sich nicht entziehen kann.

Taschentuchfaktor
Die Gedanken und Reaktionen sind in jeder Sekunde nachvollziehbar und man erlebt diese Geschichte praktisch selbst. Egal ob Schmerz, Hilflosigkeit, Enttäuschung, Liebe oder Hoffnung, jedes Gefühl wirkt vollkommen real. Man leidet mit und kann die Tränen des Öfteren nicht unterdrücken. Ein intensives Buch, das auf so viele wunderbare Arten berührt.

Romantikfaktor
Mitzuerleben, wie sich Luise und Jacob näherkommen, ist einfach wunderschön. Allein mit intensiven Blicken und Umarmungen wird eine innige Liebe transportiert, die mich zutiefst berührt hat. Die Angst vor Verlust und Verletzungen ist bei beiden riesengroß, dennoch meistern sie diese Hürde und schenken sich ihr gegenseitiges Vertrauen.

Minisnippet
Wir verbringen zwei Stunden miteinander. Und auch dann verabschieden wir uns nur, weil das Museum schließt.
„Das war schön“, sage ich und wundere mich darüber, dass ich es laut ausspreche.
„In welche Richtung musst du?“, fragt er, und ich frage mich, ob er deswegen nicht sagt, dass es ihm auch gefallen hat, weil es ihm nicht gefallen hat, oder ob er es nicht tut, weil Typen wie er das einfach nicht tun.
„Ich gehe zur Münchner Freiheit“, antworte ich.
„Zu Fuß?“, fragt er erstaunt.
„Nein“, sage ich, „ich fliege auf meinem Drachen. Den hab ich da drüber angebunden.“
Er lacht. Es ist ein lautes, ansteckendes Lachen. Ich hätte nie gedacht, dass er so lachen kann. Plötzlich hat er kleine Fältchen um die Augen, der zweifelnde Ausdruck in seinem Gesicht ist weggewischt.

Fazit:
Mit „Nicht weg und nicht da“ ist Anne Freytag ein großartiges Jugendbuch gelungen. Für mich ihr bestes überhaupt. Tief berührend, intensiv und einfühlsam. Für belastende Situationen gibt es manchmal keinen Ausweg, keine Lösung. Dann entscheiden sich Menschen wie Kristopher für den endgültigen Abschied. Für die Hinterbliebenen sind die Folgen immens, aber auch sie können in ein glückliches, hoffnungsvolles Leben zurückfinden. Luise, Jacob und auch Kristopher übermitteln dies eindrucksvoll. Für mich sind sämtliche Charaktere unvergesslich, genauso wie diese herausragende Geschichte.


„Nicht weg und nicht da“ von Anne Freytag 


One thought on “Rezension „Nicht weg und nicht da“ von Anne Freytag

  1. Das hört sich toll an, habe es mir schon ein paar mal angesehen und den Klappentext gelesen, aber irgendwie dann doch nicht gekauft. Sollte ich nochmal überdenken 🙂 Danke für die tolle Rezension.
    LG Nicole

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