Schreibwettbewerb – Juni/Juli – Autorenstory – Mia B. Meyers

Mit dieser heutigen Geschichte, der Autorengeschichte, verabschieden wir uns aus den Monaten Juni/Juli. Vielen Dank, liebe Mia B. Meyers, dass Du die Autorenpatin warst. Ein großes Dankeschön auch für die tolle Zusammenarbeit und für Deine Unterstützung bei unserer Aktion.

Und nun wünschen wir Euch viel Spaß beim Lesen,

Euer Lounge Team.


Escorts?
Mia B. Meyers

»Lieber möchte ich fünf Stunden beim Zahnarzt sitzen, als nur eine auf die Burnsfield-Gala zu
gehen.« Energisch blättere ich die Seiten des Klatschblattes durch, ohne mir die Bilder dabei
wirklich anzusehen. »Wie kann Pete das von uns verlangen, gibt es da nicht irgendein
Angestelltenschutzgesetz oder sowas?«
Stirnrunzelnd warte ich auf Emilys Antwort, die jedoch nicht kommt und ziehe den Kopf ein,
um unter dem Rand der Trockenhaube zu ihr herüberzusehen. »Hallo, hörst du mich nicht?«
»Ava, wie du unschwer erkennen kannst, habe ich gerade zu tun. Aua.« Sie schielt nur aus
dem Augenwinkel zu mir rüber, während die resolute Friseuse – Kate glaube ich – so sehr an den
Lockenwicklern rumzerrt, dass Emilys Kopf hin und her wackelt. »Was willst du denn machen?
Wenn Pete sagt, die Teilnahme ist Pflicht, dann ist es so. Es gibt Schlimmeres, als sich den
Bauch mit Champagner, und was auch immer es da geben wird, vollzuhauen. Wir gehen ein paar
mal im Kreis, nicken höflich und verschwinden wieder. Aua, passen Sie doch auf!«
»Wenn ich eins schon immer wollte, dann wie ein dressierter Affe vor einer Horde
übergewichtiger Geldsäcke im Kreis zu laufen.«
»Sie müssen den Kopf schon darunter lassen, wenn die Haare trocknen sollen«, blafft die
andere Friseuse – heißt die auch Kate? – mich von hinten an und drückt die Trockenhaube weiter
herunter, sodass ich mit gekrümmtem Rücken darunter kauere. Sofort kommt mir ein Bericht in
den Sinn, denn ich einmal gelesen habe. Darin hieß es, dass einer Frau unter der Trockenhaube
alle Haare weggeschmort sind. Hmm, wenn Gala oder verschmorte Zotteln die einzigen
Optionen sind, ist die Entscheidung wirklich schwierig.
Seit unser Chef Pete den Großauftrag für die Burnsfield Media Group bekommen hat, ist er
wie ausgewechselt. Wenn Mister Tenner, unser unmittelbarer Kontakt bei BMG zu uns ins Büro
kommt, wird Pete geradewegs zum Mastdarmakrobaten. Als dann auch noch David Burnsfield
persönlich zur alljährlichen Firmengala geladen hat, war das letzte bisschen Ehrgefühl ebenfalls
verschwunden. Wie dem auch sei, gilt für alle die an dem BMG-Projekt mitarbeiten,
Anwesenheitspflicht auf der Gala – welch Freude.
»Welche Farbe?« Erschrocken schrecke ich auf, stoße mir den Kopf im Inneren der Haube und
krümme mich noch weiter zusammen, um erneut unter dem Rand vorbeizusehen.
»War das ein ganzer Satz?«
Mit einem undefinierbaren Grunz-Geräusch hält mir – nennen wir sie der einfachheitshalber
Kate eins – drei verschiedene Nagellackfläschen vor die Nase und ich deute auf das rote. Wenn
schon denn schon.
Ich mag es, wenn mir einer an den Fingern rumfummelt und daher schließe ich genießerisch
die Augen, als auch schon jemand anderes an der Haube reißt und mir damit die einschläfernde
Wärme klaut. Die andere – demnach Kate zwei – reißt an einem der Lockenwickler. »Jo, ist
trocken. Hochstecken oder offen lassen?«
Ist das hier so ’ne Art Chatsprache, bei der man versucht, möglichst wenig Zeichen zu
benutzen?
»Jo, hochstecken«, gebe ich zur Antwort und überlege kurz, dass Peacezeichen beizufügen,
sehe beim Gesichtsausdruck der beiden Kates aber davon ab.
»Vielleicht noch ein Sektchen dazu?«, fragt Kate zwei und hat damit endlich mal eine

konstruktive Idee.
»Gerne«, antworten Emily und ich gleichzeitig. Vielleicht lässt sich die Gala besser ertragen,
wenn ich schon halbbesoffen dort ankomme.
»Füße auch?«, fragt Kate eins mit dem Blick in Richtung Fußboden.
»Ja, ich habe auch Füße. Verrückt oder?«
»Soll ich die auch lackieren?«
»Hmm.« Nachdenklich lege ich mir den Zeigenfinger auf die gespitzten Lippen. »Ich glaube,
wenn Sie nur die Fußnägel lackieren, reicht es vorerst.«
Kopfschüttelnd als wäre ich hier das Kommunikationsproblem, rollt sie mit ihrem Stuhl weiter
vor, während ich Schuhe und Strümpfe abstreife, um meine Füße auf den Hocker zu legen.
»Wir müssen langsam fertig werden, unser Wagen kommt bald«, erinnert Emily mich wieder
daran, wofür wir den ganzen Circus hier eigentlich veranstalten und Kate zwei rupft mir, ohne
besondere Vorsicht, die Lockenwickler vom Kopf.
Eine knappe Stunde später steigen Pete, Emily, Ben und ich aus der Limousine, die extra für
diesen Anlass gemietet wurde, aus. Das heißt, ich versuche es. Das dunkelrote Trompetenkleid
ist ziemlich figurnah geschnitten, sodass ich mich auf dem Sitz herumrolle wie eine Schildkröte
auf dem Rücken. Gefühlte Minuten später richte ich mich schnaubend aus dem Wagen auf und
zische Pete und Ben ein »Dankeschön« zu, dass sie gar nicht registrieren. Vor dem Eingang des
Hotels steht eine meterlange Menschenschlange, sodass mir genügend Zeit bleibt, um meine
locker hochgesteckten Haare im Rückspiegel des Wagens zu überprüfen, doch die Kates haben
meisterhafte Arbeit geleistet. Außerdem muss ich sagen, obwohl das Kleid meine
Bewegungsfähigkeit um geschätzte achtzig Prozent reduziert, sehe ich hammermäßig aus. Von
vorne hochgeschlossen, wirkt es fast brav, doch die Rückseite offenbart mit einem riesigen
kreisrunden Ausschnitt meinen kompletten Rücken. Den Ansatz meines Hinterns kann man
jawohl nicht sehen, oder?
Mit kurzen Schritten tippele ich den anderen hinterher und reihe mich in die Kolonne von
gutgekleideten Menschen ein, die ich allesamt nicht kenne.
Geschätzte Stunden später stehen wir endlich am Eingang, an dem der Concierge bereits das
dritte Mal seinen Finger über die Gästeliste schiebt und uns offensichtlich nicht findet. Ich weiß
nicht, was ich im Moment schlimmer fände, aufgebrezelt wie ich bin, auf die Veranstaltung zu
gehen oder aufgebrezelt wie ich bin wieder gehen zu müssen, weil wir nicht auf dieser
bescheuerten Liste stehen.
Pete lockert übereilt den Knoten seiner Krawatte und bekommt hektische Flecken am Hals.
»Sehen Sie bitte noch einmal nach, Mr. Burnsfield hat uns persönlich eingeladen.«
Das wird der Einlasser heute bestimmt zum allerersten Mal hören, Respekt Pete. Genervt
verdrehe ich die Augen, was mir einen Ellenbogenrempler von Emily einbringt.
»Da sind Sie ja.« Der ernste Gesichtsausdruck des Concierge, weicht einem Lächeln und er
winkt uns in die Lobby des Hotels durch, die zugegeben wirklich beeindruckend ist. Ich kann bis
in den dritten oder vierten Stock hinaufblicken, von wo aus sich andere Hotelgäste über das
Geländer beugen und zu uns heruntersehen. Schätzungsweise befinden sich alleine in dieser
Halle über hundert Menschen und wir sind noch nicht einmal im eigentlichen Festsaal angelangt.
Aus allen Richtungen dringen klackernde Absätze, das Klirren von aneinanderstoßenden Gläsern
und Gesprächsfetzen zu uns herüber. Ein Kellner hält uns lächelnd sein Tablett mit

Champagnerflöten entgegen, von dem wir uns dankbar bedienen und mit dem Strom von
Menschen, auf den Festsaal zusteuern.
»Ich habe es mir nicht ganz so groß vorgestellt«, flüstert Emily, als wir den Saal betreten und
auch ich muss zugeben, leicht eingeschüchtert zu sein.
Mehrere Kristalllüster tauchen den Raum in ein dezentes Licht, das sich im übermäßig
vorhandenen Schmuck der Damen reflektiert. Die uns gegenüberliegende Wand ist über ihre
gesamte Breite verglast und durch die eingelassene Schiebetür, scheint man auf eine Terrasse zu
gelangen. Rechts von uns ist ein Podium, auf dem ein kleines Ensemble leise Musik spielt, die
mir ganz nebenbei überhaupt nicht gefällt. Sowohl Bühne als auch die zahlreichen Tischgruppen
sind in einem edlen Cremeweiß gehalten.
»Sieht mehr nach Hochzeit, als nach einer Mitarbeiterparty aus, oder?«, lehne ich mich zu
Emily rüber und sie zuckt mit den Achseln.
»Jetzt lächelt mal ein bisschen in die Runde, ja. Das hier ist keine Spaßveranstaltung, sondern
Marketing. Auf zur Kundenakquise«, ranzt Pete uns an, zurrt sich seinen von vorhin lädierten
Krawattenknoten zurecht und schreitet von dannen.
»Na komm, lass uns nachsehen, an welchem Tisch wir sitzen«, lenkt Emily mich ab, sodass
ich mein Kleid leicht anhebe, um besser gehen zu können. Wir umrunden eine Tafel nach der
anderen und wie sollte es auch anders sein, sitzen wir an der letzten, die wir kontrollieren. Ganz
hinten in der äußersten Ecke, damit uns auch ja keiner sieht – die Begriffslegastheniker aus der
Grafikabteilung. Neben Pete und Ben sitzen noch vier weitere Personen mit uns am Tisch, die
wir jedoch nicht kennen.
Der nette Kellner von vorhin eilt am Tisch vorbei und ich winke ihn zu uns heran. »Können
wir auch etwas anderes bekommen, als Champagner?«
»Natürlich, ich bringe Ihnen, was Sie bestellen«, antwortet er geschwollen und zupft das
Handtuch über seinem Unterarm zurecht.
»Dann hätte ich gerne einen Cosmopolitan«, und an Emily gewand, »anders lässt es sich hier
ja nicht aushalten.«
»Dann machen Sie zwei draus«, flötet sie ihm zu, woraufhin er nickt und wieder losspurtet.
Wenige Minuten später stellt er die Martinikelche mit der rosafarbenen Flüssigkeit vor uns ab
und verschwindet sofort wieder.
Mit einem »Na dann Prost« erhebe ich mein Glas und nippe an dem Cocktail der ungeachtet
der Örtlichkeit, wirklich göttlich schmeckt.
Ein fieses Quietschen hallt durch den Raum, als jemand vom Orchester das Mikro ergreift und
alle Anwesenden bittet, ihre Plätze einzunehmen, was dann auch umgehend alle tun. Zwei
Minuten später sitzen sowohl Pete und Ben als auch zwei weitere Frauen und Männer an
unserem Tisch.
»Hallo, ich bin William«, stellt sich der Unansehnlichere von beiden vor, der natürlich – wie
sollte es auch anders sein – direkt neben mir sitzt. Er hält mir seine Pranke entgegen, die ich nur
stirnrunzelnd mustere und mich abwende, bis Petes Blick mich streift. Seufzend ergebe ich mich
meinem Schicksal und reiche dem Willi, mit einem schmallippigen Lächeln, die Hand. Offenbar
kann er gar nicht genug von Handwedeln bekommen, sodass ich ihm meine förmlich wieder
entreißen muss. Widerlich.
Von einer Sekunde auf die andere laufen geschätzte vier dutzend Kellner zwischen den
Tischen hindurch und verteilen den ersten Gang des Abends. Gott sei dank, je eher wir mit dem

Essen durch sind, desto schneller können wir gehen.
Bei der Hauptspeise angelangt weiß ich, dass Willi ein sehr, wirklich sehr erfolgreicher
Anwalt ist, den sie Rottweiler nennen.
»Und wissen Sie auch, warum man mich so nennt?«
Also ob mich das auch nur im Geringsten interessieren würde. Ein Blick zu Pete und ich
antworte höflich: »Ich habe absolut keinen Schimmer.«
»Weil ich buchstäblich bissig werden kann«, antwortet er und schnappt mit den Zähnen in
meine Richtung. Kurzzeitig bin ich nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll, werde aber
glücklicherweise von einem Kellner unterbrochen, der die Hauptspeise vor mir abstellt.
»Das kann ich doch nicht annehmen.«
»Wie bitte?«, fragt Willi nach und giert auf meinen Teller.
»Ich kann doch nicht annehmen, dass das schon alles sein soll.«
Ich zucke erschrocken zusammen, als Willi seine flache Hand auf den Tisch haut und lauthals
anfängt zu lachen. »Der war gut, ganz ausgezeichnet.«
Tatsächlich? Dabei sollte das gar kein Witz sein. Ohne weiter auf ihn einzugehen beginne ich,
meine drei Bohnen und das Fleischhäppchen zu essen, das winziger als eine Dollarnote ist.
Gefühlte Stunden später sind wir auch mit dem Dessert durch und die ersten Gäste erheben
sich, um an die Bar zu wechseln. Unterdessen beginnen einige der Kellner die Tische in der
Mitte des Saales beiseite zu räumen, um eine Tanzfläche hervorzubringen.
»Noch einen Cosmo?«, fragt Emily, woraufhin ich nicke.
»Unbedingt. Ich geh auf die Terrasse.« Mit einer Geste in eben diese Richtung, gehe ich so
schnell es mir in dem engen Kleid möglich ist, auf die Terrasse und trete an das Geländer heran.
»Auch keine Lust mehr auf das Gedränge da drin?«
Gequält schließe ich die Augen und beschließe die Stimme, die ich definitiv als Willis
identifizieren kann, zu ignorieren. Mann sollte doch meinen, dass selbst die einfältigsten Männer
merken, ob Interesse seitens der Frau besteht, oder nicht – Willi ist keiner dieser Männer.
»Darf ich fragen, wie du auf diese Gala kommst? Ich darf doch du sagen oder?« Lachend lehnt
er sich neben mir über die Brüstung.
»Mit dem Auto.«
Und wieder wildes Gelächter. »Also, wie kommt es, dass du eingeladen bist, obwohl du nicht
bei BMG arbeitest? Du wärst mir auf jeden Fall aufgefallen.«
Ich glaube, ich möchte mich übergeben.
»Ah Mist, hab was vergessen.« Höre ich Emily sagen, die jedoch schon wieder durch die Tür
ins Innere des Gebäudes verschwindet, als ich mich herumdrehe.
»Wir sind von einer Escortfirma.« Moment, habe ich das gerade wirklich gesagt? Willi
räuspert sich, womit ich zumindest mein Ziel erreicht hätte – zwei Sekunden stille.
»Ich fürchte, ich hab dich nicht richtig …«
»Ich fürchte doch«, unterbreche ich seinen Satz und lächle ihn dieses Mal ehrlich an. »Wir
sind vom Veranstalter dieser Gala eingeladen worden, um zu unterhalten und bei Gefallen
gegebenenfalls … nett zu sein.« Es reicht Ava, das hier ist definitiv der Punkt, an dem du die
Klappe halten solltest.
»Du nimmst mich auf den Arm.« Er lacht wieder, dieses Mal aber nicht mehr ganz so
überzeugt und wedelt mit seinem Finger vor meinem Gesicht herum. »Beinahe hättest du mich
gehabt.«

Ich zucke mit den Schultern und will mich gerade wieder über das Geländer lehnen, als Emily
mit den Cocktails kommt. Wie gerufen quasi.
»Willi will mir nicht glauben, dass Pete uns nötigt, heute Abend nett zu sein.«
Emily sieht verwirrt von ihm zu mir, scheint dann aber zu beschließen, dass sie vor unserem
neuen Freund offen reden kann. »Stimmt leider, er nennt es Kundenakquise«, stöhnt sie auf und
fischt mit ihrer Zunge den Eiswürfel aus dem Cocktail.
Willis Augen werden so groß, dass ich mich wegdrehen muss, um mein Grinsen zu
verstecken. Ob ich ihm sagen sollte, dass ich mir nur einen dummen Scherz erlaubt habe?
»Hier bist du«, ertönt eine Stimme hinter uns, bei der sich mir sofort die Nackenhaare
aufstellen. Tief und ein kleines bisschen rauchig. Reflexartig drehe ich mich herum und stelle
fest, dass Emily ebenfalls in Richtung Tür starrt. Der mit der Stimme kommt auf uns zu und als
er aus dem dunklen Schatten, in das schwache Licht der Terrassenbeleuchtung tritt, fällt mir
sprichwörtlich die Kinnlade herunter. Das erste was mir auffällt, sind eisblaue Augen, die selbst
in diesem diffusen Lichtschein zu strahlen scheinen. Soweit ich es erkennen kann, sind seine
Haare dunkel und sehen nach gerade erst aufgestanden aus, was die markanten Gesichtszüge
etwas abschwächt. Ich starre ihn an, oder? Noch schlimmer, ich starre ihn mit offenem Mund an.
Räuspernd rufe ich mich zu Räson, während Emily sich natürlich schon gefangen hat und sich
vorstellt. Ohne jedoch auf sie zu reagieren reicht er mir seine Hand, die ich stumm ergreife.
»Und Sie sind?«
Äh, willig … Reiß dich zusammen! »Ava«, erwidere ich lächelnd und hoffe, dass mir keine
Essenreste an den Zähnen kleben.
Willis Blick pendelt zwischen uns hin und her und wenn ich vor wenigen Sekunden noch
dachte, die Escort-Geschichte wäre dumm gewesen, erscheint sie mir jetzt als extremst fehl am
Platz. »Du hast ernsthaft Escorts für eure Party bestellt?«
Du? Warum du? Ich dachte, der Burnsfield riecht schon nach Erde, oder doch nicht? Jetzt bin
ich es, die dusselig von einem zum anderen sieht.
»Escorts?«, kommt es wie aus einem Munde von Emily und der meisterhaften Kopie von
Michelangelos David.
Okay, wie ist der Plan? Denk nach.
»Sie hat es mir eben gerade erzählt und ich dachte, das sie mich verschaukelt«, schwadroniert
Willi weiter und ich drehe mit dem Zeigefinger vor meiner Stirn, um zu demonstrieren, dass der
Gute wohl was am Kopf hat.
»Ist das so?«, fragt Emily in meine Richtung und zieht die Augenbrauen so weit nach oben,
das ich befürchte ihre Augäpfel könnten herausploppen.
»Da müssen Sie mich falsch verstanden haben«, rede ich mich raus und lache gekünstelt auf.
Eilig sondiere ich meine Lage und mache den schnellsten Fluchtweg zur Terrassentür aus. David
– oder wie auch immer er heißt – kann ich mir jetzt ohnehin abschminken, dann kann ich
genausogut die Flucht ergreifen. Sieht er irgendwie amüsiert aus?
Die Terrassentür öffnet sich und ein Kopf schiebt sich durch den Türspalt. »Ethan, deine
Eltern wollen, dass du den Tanz mit ihnen eröffnest.«
»Ich bin gleich da«, ruft er, ohne den Blick von mir zu nehmen. Noch immer bilde ich mir ein,
ein leichtes Zucken um seine Mundwinkel zu erkennen, als er mir seinen Arm hinhält, so als
solle ich mich bei ihm einhaken. »Ethan Burnsfield, es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu
machen. Würden Sie mir die Ehre des ersten Tanzes erweisen?« Hart schluckend lege ich

meinen Arm um seinen und gehe neben ihm durch die Terrassentür auf die große Tanzfläche zu,
in der sich die Lichter der Lüster reflektieren. Das könnte böse enden.
»Und danach erklären Sie mir, warum Escorts auf unserer Gala sind, von denen ich gar nichts
weiß.« Seine weißen Zähne blitzen auf, als er mich lachend zu sich herum in Tanzstellung zieht
und mich über das Parket wirbelt wie Fred Astaire zu seinen besten Zeiten.

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