Schreibwettbewerb Februar 2017 Finalisten Miriam Exner

Und schon sind wir heute bei der zweiten Finalistin angelangt.

Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen und bedanken uns bei Miriam für ihre Einsendung.


Adonis und die letzte Chance

Seit mindestens einer halben Stunde sitze ich bereits an dieser Präsentation und starre den Computerbildschirm vor mir an, ohne einen klaren Gedanken zu fassen.

Nun ist es auf den Tag genau drei Jahre her. Ich frage mich jedes Jahr zu dieser Zeit aufs Neue: Was wäre gewesen, wenn…?

Was wäre gewesen, wenn ich nicht in diese andere Stadt gezogen wäre? Oder ihm

doch wenigstens meine Nummer gegeben hätte?

Es war etwas ganz Besonderes zwischen uns, das ist mir ziemlich schnell danach klar geworden. Jedes Mal, wenn ich an diesen einen Nachmittag zurückdenke, kribbelt es gewaltig in meinem Körper.

Während ich weiter auf die halb beschriebene Powerpointseite vor mir starre, dreht sich die Zeit für mich in meinen Gedanken zurück …

Es ist wieder Sommer, ich bin gerade 25 Jahre alt und habe den Masterabschluss frisch in der Tasche. Ich fühle mich so leicht und unbeschwert, als würde mir die Welt zu Füßen liegen. Die freien Tage nach unserer Verabschiedung und Entlassung habe ich bislang ausgiebig zum Relaxen und Ausgehen genutzt. Ich bin erst aufgestanden, wenn mir danach war und habe schlicht und einfach in den Tag hineingelebt. Ein ganz neues Gefühl für mich.

Um zusätzlich meinen Teint etwas aufzuhübschen und um trotz meines geringen Studentenbudgets ein bisschen Urlaubsfeeling genießen zu können, bin ich die letzten zwei Wochen jeden Mittag auf mein Fahrrad gestiegen und die knapp viereinhalb Kilometer zum etwas außerhalb gelegenen Freibad geradelt.

Da momentan noch keine Sommerferien sind, bleiben die Liegeflächen angenehm leer und ich komme wirklich zum Abschalten.

So lässt sich die freie Zeit bis zu meinem Umzug doch wirklich aushalten.

Und dieser steht schon morgen an. Ich habe schon zum Ende meines Studiums einen großartigen Job als Medienberaterin ergattern können. Was mich noch mehr freut, ist, dass ich endlich in meine Wunschstadt Köln ziehen werde.

Ein kleiner Wermutstropfen ist da allerdings doch, denn gerade jetzt, kurz vor dem Umzug, habe ich IHN entdeckt.

Die letzten fünf Jahre bin ich mehr schlecht als recht von einer Affäre in die nächste geschlittert, weil mir das wirkliche Interesse an den meisten Männern gefehlt hat. Da war nicht dieses allumfassende Brennen mit Haut und Haar für einen anderen Menschen. Und so beendete ich die Liebschaften immer, bevor wirklich Herzen gebrochen wurden.

Doch letzten Freitag ist es tatsächlich passiert: Gerade hatte ich einen Artikel über „Mietkosten und was man zu beachten hat“, gelesen. Während ich noch darüber nachdachte, was ich beim Wohnungswechsel zu beherzigen hatte, ließ ich den Blick über die Schwimmbecken streifen. In den Becken plantschten nur wenige Menschen, obwohl das Wochenende vor der Tür stand.

Soeben wollte ich mich dem nächsten Artikel widmen, da schnackte mein Blick zurück zum Sprungturm und blieb an ihm kleben: Ein echter Prachtkerl mit breiten Schultern und einem durchtrainierten Körper, erklomm gerade die Leiter zum Fünf-Meter-Sprungbrett. Seine dunklen Locken fielen ihm ständig widerspenstig in die Stirn.

Während er offenbar mit einem Kumpel scherzte, konnte ich von meinem Handtuch aus ein strahlendes Lächeln mit perfekten weißen Zähnen in einem markanten Gesicht bewundern. Völlig hingerissen legte ich vorerst meine Zeitschrift zur Seite und beobachtete stattdessen lieber die beiden lachenden Männer auf dem Turm mit den Sprungbrettern.

Der Typ entsprach zu einhundert Prozent meinem Beuteschema. Kurzerhand taufte ich ihn, aufgrund seines südländischen Teints, „Adonis“.

Fasziniert beäugte ich das Schnuckelchen, während dieses auf dem Sprungbrett Anlauf nahm, um sodann kopfüber in das kalte Wasser zu springen.

Als er mit seinen dunklen Augen wieder an der Wasseroberfläche auftauchte, sah er mich zum ersten Mal an: Mit einem Blick, der mir durch Mark und Bein ging und von dort direkt in eine andere Zone. Ich fühlte mich ertappt und vor lauter Schreck schnappte ich mir wieder meine Zeitschrift, um mich mit hochrotem Kopf zwischen den Seiten zu verstecken.

Seitdem ging mir mein Adonis nicht mehr aus dem Kopf. Andauernd musste ich an seine braunen Augen denken, an das markante Gesicht mit dem Dreitagebart und die sinnlichen Lippen. Selbst in meine wildesten Träume verfolgte mich der Typ schon.

Seit jenem Freitag verlief jeder Tag ähnlich: Gegen 15 Uhr taucht mein Adonis stets mit seinem Kumpel im Schlepptau im Schwimmbad auf. In den folgenden Stunden treffen sich unsere Blicke immer wieder wie zufällig. Offensichtlich hat der Schönling genauso viel Interesse an mir, wie ich an ihm. Anders kann ich mir dieses Gegucke, was wir beide betreiben, nicht erklären.

Doch nun stehen in meiner Studentenbutze unzählige Kartons und warten auf ihre morgige Reise nach Köln. Und ich – ich hatte in den letzten Tagen einen Plan geschmiedet. Heute ist meine letzte Chance, um meinem Objekt der Begierde nicht nur in meinen Träumen näher zu kommen.

Noch zu Hause bereitete ich alles für meine Mission vor: Meine gebräunten Beine bekamen eine extra frische Rasur. Mein „Alltagsbikini“ wich einem sündhaft teuren Teil, welches ich im Internet für heute bestellt hatte. Auch den nachlässigen Pferdeschwanz tauschte ich gegen einen aufwändigen Dutt, der natürlich nicht aufwändig aussehen durfte. Mehrere Male hatte ich die Frisur vor dem Spiegel üben müssen, bis sie so aussah, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zu guter Letzt wanderten auch meine bequemen Shorts in einen der Umzugskartons und ich warf mich in ein sexy Strandkleid.

Bevor ich ins Freibad radelte, betrachtete ich mich eingehend im Spiegel von allen Seiten. Vor mir stand eine knackig braungebrannte, blonde Traumfrau. Wenn der Adonis da nicht anbeißen würde, dann könnte ich ihm auch nicht helfen.

Und so liege ich ungeduldig seit einer Stunde auf meinem Handtuch auf der Liegewiese und warte auf ihn. Ich habe mir einen Platz etwas rechtsseitig, halb im Schatten, ausgesucht. Von hier habe ich den perfekten Überblick über alle Bereiche sowie die angrenzenden Schwimmbecken.

Kaum ist es 15 Uhr, da kann ich seine dunklen Wuschelhaare endlich im Eingangsbereich entdecken. Erleichtert atme ich aus. Nicht auszudenken, wenn er ausgerechnet heute nicht gekommen wäre.

Adonis und sein Kumpel, ein sportlicher Blondschopf, spielen mir mit ihrer Liegeplatzwahl direkt in die Karten: Sie platzieren sich etwas unterhalb von mir, jedoch relativ dicht. Um nicht zu erwartungsvoll auszusehen, lege ich mich auf den Rücken und tue so, als wenn ich keine Notiz von den beiden genommen hätte. Es dauert allerdings nur wenige Minuten, bis ich seinen Blick auf meinem Körper spüren kann. Ein freudiger Schauer durchzuckt mich, der mich zu elektrisieren scheint und ich muss aufpassen, dass ich mich nicht durch einen schnelleren Atem verrate.

Um meinen Adonis etwas anzuheizen entschließe ich mich, ein bisschen schwimmen zu gehen. Langsam und so sexy ich kann, stolziere ich an seinem Handtuch vorbei. Am Beckenrand gleite ich vorsichtig ins Wasser. Meine wunderbare Frisur möchte ich nicht durch einen beherzten Sprung ins Becken ruinieren. Da ich in meinen Gedanken immer wieder meinen Plan, speziell das, was heute noch kommen soll, durchgegangen bin, hatte ich die Abkühlung mittlerweile mehr als nötig.

Und jedes Mal wenn ich aufsehe, begegne ich den dunklen Augen auf der Liegewiese. Er scheint mich regelrecht mit seinen Blicken zu verfolgen.

Gegen 17 Uhr halte ich es schließlich nicht mehr aus, die zweite Runde meines Vorhabens muss jetzt in Angriff genommen werden. Ich warte auf einen Moment, in dem mein Adonis mich wieder, hinter seinem Buch versteckt, mustert. Zunächst drehe ich mich langsam auf den Bauch und spreize wie zufällig leicht meine Beine. Da die Jungs etwas unterhalb von mir liegen, hat Adonis nun die beste Aussicht.

Gut, dass er mein Gesicht nicht sehen kann, denn ich kann mir ein breites Grinsen nicht verkneifen, als ich höre, wie er scharf die Luft einsaugt.

Kaum hat sich sein Atem wieder etwas beruhigt, krame ich eine Flasche Sonnenöl aus meinem Rucksack. Langsam fange ich an meine Beine und meinen Hintern einzuölen.

Adonis reagiert prompt mit schnelleren Atemzügen. Ich verfehle also meine Wirkung auf ihn nicht.

Um ihn nicht komplett in Rage zu versetzen, schmeiße ich das Sonnenöl wieder in meine Tasche und sonne mich noch etwas, bevor ich endgültig in die Vollen gehe.

„Hey, ich geh jetzt nach Hause, bleibst du noch?“. Schlagartig wache ich auf.

Scheinbar bin ich tatsächlich für einen Moment eingenickt. Als ich die Augen wieder öffne und in die Sonne blinzle, kann ich sehen, wie der Blondschopf seine Sachen packt und sich anzieht.

„Ich bleibe noch etwas!“, antwortet mein Traummann Gott sei dank.

„Sicher?“, fragt der Kumpel und mir entgeht nicht, wie er einen Blick zu mir wirft. Schnell gucke ich weg.

„Ganz sicher! Bis morgen Pete!“ Die beiden Männer klatschen lässig ab.

„Alles klar, ciao!“ Damit stratzt das blonde Anhängsel in Richtung des Ausganges.

„Jetzt oder nie!“, denke ich nach ein paar Minuten. Ich halte es einfach nicht länger aus.

Langsam fange ich an meine Sachen zusammenzusammeln. Lasziv werfe ich mir das Strandkleid über. Wie erwartet werde ich über einige Bücherseiten hinweg von den braunen Augen beobachtet.

Während ich meine Tasche vom Fußboden aufhebe, gucke ich ihn schließlich direkt an.

„Los, komm mit!“, sage ich bestimmt. Zum Glück klinge ich um einiges cooler, als ich mich wirklich fühle.

Die Überraschung steht ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Mit so einem bestimmten Appell hat er scheinbar nicht gerechnet.

Ohne zu zögern, springt Adonis auf und fängt hektisch an seine Sachen einzusammeln.

Sein kleiner Freund scheint nur auf meine Aufforderung gewartet zu haben, das kann ich trotz seiner weiten Badeshorts sehen.

So sexy wie möglich gehe ich nun langsam in Richtung Ausgang. Adonis folgt mir mit einigem Abstand.

Im Außenbereich schließe ich schnell mein Fahrrad los und werfe meine Tasche mit den Badesachen in den Korb.

Als ich sehe, wie er das Drehkreuz am Ausgang passiert, gehe ich los. Nichts wäre schlimmer, als wenn er mich jetzt aus den Augen verlieren würde. Dann wäre dieses kleine Abenteuer so schnell zu Ende, wie es angefangen hat und all meine Mühe wäre umsonst gewesen.

Da das Freibad etwas außerhalb der Stadt liegt, säumen Wiesen und Wäldchen den Fahrradweg.

Nach etwa einem halben Kilometer erreicht man eine Bahnunterführung mit einem kleinen Tunnel. Links und rechts davon erstrecken sich weitere Wiesen, welche aufgrund dichten Gebüschs kaum vom Radweg aus einzusehen sind.

In Höhe des Tunnels holte mich mein Casanova schließlich schnellen Schrittes ein. Ohne ein weiteres Wort schlingt er seine Arme von hinten um meine Taille. Schon dreht er mich unmissverständlich zu sich, sodass sich unsere Oberkörper eng aneinanderschmiegen.

Ohne darüber nachzudenken lasse ich mein Fahrrad fallen. Sofort drückt mich mein Adonis mit seinem Körper an die raue Tunnelwand. Ein erstes Stöhnen klingt aus meiner Kehle. Offenbar weiß er endlich, was er will. Auf diesen Augenblick habe ich so lange gewartet.

„Endlich, meine Wassernixe!“, flüstert er mir mit einer tiefen Stimme voller Begierde  in mein Ohr. Seine Stimme bereitet mir eine Gänsehaut auf dem gesamten Körper.

„Pssst!“, mache ich nur und suche seine Lippen mit meinen. Reden würde diesen Moment nur zerstören.

Sogleich empfängt mich seine Zunge spielerisch und mit einem leichten Pfefferminzgeschmack.

Sein Kuss ist genauso fordernd und leidenschaftlich, wie ich es mir gewünscht habe. Seine weichen Lippen bilden den perfekten Kontrast zu der rauen Betonwand in meinem Rücken. Schon bin ich Wachs in seinen Händen.

Als er mit seinen kräftigen Händen den Stoff meines Oberteils berührt, antworten meine Brustwarzen prompt auf seine Berührung. Zu lange habe ich mir seine Hände auf meinem Körper vorgestellt.

Adonis drückt mich nun fordernder mit seiner Hüfte gegen die Wand. Das, was ich durch seine dünne Badeshorts spüre, turnt mich dabei nur noch weiter an. Ich greife in sein dichtes lockiges Haar und kralle mich darin für einen Augenblick fest.

Unser Atem kommt mittlerweile stoßweise vor Erregung. Halb küssend, halb fummelnd, wandern wir an der Tunnelwand entlang zu einem der Ausgänge.

Am Ende brechen wir durch das dichte Gestrüpp und landen im hohen Gras der Wiese dahinter. Gott sei Dank bietet uns das Gebüsch ausreichenden Sichtschutz vor neugierigen Blicken.

Kaum versinken wir wieder im nächsten Kuss, schiebt seine warme Hand meinen Bikinislip bereits beiseite. Nach zwei Wochen des Anschmachtens bin ich mehr als bereit für meinen Adonis.

Was in der nächsten halben Stunde auf dieser Wiese geschah, treibt mir heute noch, drei Jahre später, die Röte ins Gesicht.

„Ich wünsche dir alles Liebe, mein Adonis!“, mit einem letzten Kuss verabschiede ich mich von meinem Casanova, der erschöpft und verschwitzt auf dem Rücken im Gras liegt.

Er richtet sich überrascht auf und stützt sich auf seine Ellenbogen. Seine Wuschelhaare stehen wirr vom Kopf ab. Ich muss mich mit ganzer Willenskraft zurückhalten, nicht wieder auf seine breite Brust zu stürzen und da weiter zu machen, wo wir eben aufgehört haben.

Verwundert sieht er mich an, während ich mir mein Sommerkleid zurechtrücke.

„Sehen wir uns nicht wieder?“, fragte er.

„Nein …“ Mehr will ich ihm nicht erklären müssen. Und er fragt auch nicht weiter nach.

„Lebe wohl, meine Wassernixe ….“, höre ich ihn leise sagen, als ich mich umdrehe und durch das Gebüsch zurück zu meinem Fahrrad klettere.

Langsam kehre ich in die Gegenwart zurück. Vor mir hat sich mittlerweile der Bildschirmschoner eingeschaltet.

Das war mein letzter und schönster Nachmittag in meiner ehemaligen Studentenstadt.

Meinen Adonis habe ich seitdem nie wieder gesehen. Ich weiß noch nicht mal seinen Namen. Aber es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denken muss.

Rückblickend muss ich sagen, dass es mehr als albern war, dass nicht einer von uns den ersten Schritt viel früher gewagt hatte. Wer weiß, vielleicht würde ich dann nicht hier in diesem Großraumbüro sitzen und an ihn denken, während ich eigentlich Arbeiten müsste.

Ich ruckele kurz an meiner Computermaus und der Bildschirmschoner weicht der halb fertigen Präsentation. Es ist Zeit, wieder in meinem wahren Leben anzukommen und diesen Auftrag endlich fertig zu stellen.

Gerade sammele ich meine Gedanken, da erscheint im unteren rechten Bildschirmrand mit einem „Pling“ eine neue E-Mail.

Der Absender, ein Ramon Frascuelo, sagt mir nichts.

Mit einem Klick öffne ich die Mail. Ich muss den kurzen Inhalt mehrmals lesen, bis ich es begreifen kann.

„Endlich habe ich dich gefunden, meine Wassernixe ….“

Mir steigen Tränen der Freude in die Augen. Adonis, wir bekommen endlich unsere Chance!

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