Schreibwettbewerb Februar 2017 Gewinnerstory Tina Wolff

Mit dieser Finalstory, der Gewinnerstory, verabschieden wir uns schon wieder aus dem Wettbewerbsmonat Februar ´17. Herzlichen Glückwunsch, Tina Wolff und vielen Dank für Deine Einsendung.
Viel Spaß beim Lesen.


Dorfkinder

Ach, du grüne Neune. Das gibt es doch nicht. Patrick van Thelen. Ich werde bekloppt! Selbst nach einem großen Schluck Bier hämmert mein Herz immer noch. Patrick – vor locker zehn Jahren Padde genannt – steht mit einem Glas Weißwein am Fenster und unterhält sich mit drei aufgedonnerten Frauen, die ihn umglucken, wie eine gurrende Hühnerschar.

„Gaaack-gaaack-gaaack“, gackere ich leise vor mich hin. Bei der lauten Musik auf dieser Party hört das eh keiner. Schnell suche ich Deckung auf einem plüschigen Sofa hinter einem riesigen Farn. Feng-Shui kann ganz nützlich sein. Ansonsten halte ich nicht viel davon Hamburger Hanseatenwohnungen ostasiatisch aufzupimpen. Aber in diesem Fall bin ich froh, dass ich mich hinter das Grünzeug zurück ziehen kann. Eine kurze Erholung habe ich bitter nötig. Da ziehe ich vom Dorf weg nach Hamburg, und wen treffe ich bei der Wohnungseinweihung meiner Freundin? Padde.

Vorsichtig biege ich einen Farnzweig herunter und linse durch das Gebüsch Richtung Fenster. Kein Zweifel. Er ist es definitiv. Er sieht immer noch genauso aus wie früher. Nur der Anzug stört mich und die bescheuerte Krawatte, und die Schuhe gehen auch gar nicht. Nein-nein. Der ist überhaupt nicht mein Typ. Zumindest nicht so, wie er jetzt aussieht. Viel zu brav, bieder, spießig.

Mein Gesicht wird warm, als meine Freundin und Neu-Mieterin dieser schmucken Altbau-Wohnung sich neben mich plumpsen lässt.

Ihre HighHeels schleudert sie von sich, wobei ihr Cocktailglas eine bedrohliche Schieflage bekommt, als sie müde gähnt: „Ver-ver-versteckst du dich?“

„Was macht Padde hier?“, kontere ich mittels Gegenfrage.

„Wer?“

„Padde!“, sage ich verschwörerisch und wedele durch den Farn. „Der Typ am Fenster mit den Hühnern um sich rum.“. Ein weiteres Gegacker kann ich mir nicht verkneifen.

Meine Freundin lehnt sich vor und blinzelt durch das Dickicht. „Das ist Herr von Thelen, mein Vermieter. Knattergeil, hmh? Kennst du den?“

Brummend trinke ich mein Flaschenbier. „Och… pffffh… Na ja…. Kennen?“

Schon ein bisschen angesäuselt schlürft meine Freundin ihren Mojito und seufzt. „Der ist ein echtes Schnuckelchen. Und der flirtet ohne Ende. Das war mir richtig unangenehm bei der Wohnungsbesichtigung. Da war noch ein Pärchen dabei und der Herr von Thelen hat uns zwei Frauen … na, ich will nicht sagen angeflirtet.. oder doch… ja, irgendwie schon. Also bei mir fand ich das ja OK, aber die andere Dame war mit ihrem Mann da. Der war nicht sehr begeistert, kann ich dir sagen.“

„Das glaube ich“, lache ich und drücke mich tiefer in das plüschige Sofa. Padde hatte früher schon immer Frauen um sich herum gesammelt. Er brauchte nur ein bisschen lächeln, machte hier und da ein Kompliment, hatte verdammt gute Manieren und schwupp flatterten ihm die Mädels hinterher, wie Motten dem Licht.

„Und woher kennst du den?“, fragt meine Freundin und legt mir ihre Beine auf den Schoß.

Gut versteckt hinter unserem Feng-Shui-Farn kuschele ich mich in die Kissen und kehre geistig zurück in meine Kindheit. Auf´s Dorf. Mit Kühen, grünen Wiesen, Matsche, Fliegen und Mücken und jeden Samstag Mittag Schlag Zwölf Sirenenalarm. „Padde kenne ich von früher. Wir sind auf die selbe Schule gegangen. Seine Eltern hatten im Nachbardorf einen großen Betrieb.“

„Was für einen Betrieb? Eine Fabrik?“, fragt sie müde und gähnt undamenhaft mit sperrangelweit geöffnetem Mund.

„Quatsch“, sage ich und nehme einen Schluck Bier. „Landwirtschaft. Seine Eltern hatten einen großen Hof, mit Milchvieh, ein paar Bullen und Kartoffeln.“

„Der kommt vom Dorf?“ Wie mittels einer Mechanik angekurbelt, erhebt sie sich vom Sofa und pirscht sich durch den Farn, um das ehemalige Dorfkind zu begutachten. „Davon sieht man heute aber nix mehr.“

Ich lache mich halb kaputt über meine Freundin.Sie ist eine solche Stadtpflanze, dass sie es für  richtig hält, wenn Kühe lila-weiß gefleckt sind und nur in den Bergen wohnen und wenn Leute vom Dorf in beuligen Cordhosen, Gummistiefeln und Schirmmützen mit Knopf vorne drauf herum laufen.

Gespielt entrüstet gestikuliere ich zu ihr hin. „Ich komme auch vom Dorf. Und? Sieht man mir das an?“

Etwas abschätzig mustert sie mich, wie ich da auf ihrem Sofa lümmle, mit meinen alten Pumps, dem Stones-T-Shirt und einer krachengen Jeans, die recht fadenscheing einen auf Vintage macht.

„Ja!“, sagt sie sehr überzeugt. „Du trinkst immer Bier. Aus der Flasche!“

„Jo. Prost!“, rufe ich und erhebe mein Getränk. „Nicht lang schnacken, Kopp in Nacken!“

Ein deutliches „Prost!“ hören wir vom Fenster und ducken uns in die Mädchen-Sofa-Ecke. Durch das Grün hindurch sehe ich Padde über seine angesammelte Hühnerschar hinweg guckend, auf der Suche nach demjenigen, der den Trinkspruch losgelassen hat.

„Siehste? Dorfkind“, flüstere ich meiner Freundin zu, die anfängt zu kichern.

„Musste der auch auf dem Feld mithelfen? Das kann ich mir bei dem gar nicht vorstellen“, sagt sie und guckt mich neugierig an.

„Klar. Das müssen alle Kinder, deren Eltern einen Hof haben. Ist normal. Was war Padde immer sauer, wenn er nachmittags Gülle fahren musste und abends war Schützenfest, oder Party im Schuppen.“

Gemütlich lache ich auf, als ich an früher denke, wenn ich im Sommer nach Erledigung der Schularbeiten frei hatte und mit meinem Fahrrad losgedüst war zum kleinen Moorteich in der alten Sandkuhle. Wie oft war es so gewesen, dass Padde noch Heu wenden, oder die großen runden Strohballen vom Feld in die Scheune transportieren musste. Und wie oft hatte er dann vom laut röhrenden Trecker zu mir runter geschrien: „EY! FÄHRT DU ZUM BADEN?“

Und ich hatte angehalten und zurück geschrien: JA! KOMMST DU NACH?“

Natürlich war er nach gekommen, meistens erst wenn es angefangen hatte zu regnen. Dann waren die anderen Dorfkinder schon wieder zu Hause und Padde und ich hatten den See für uns alleine. Dann haben wir uns mit glitschigem Moor beworfen – das half gut gegen die lästigen Bremsen, die stechen konnten, wie kleine Teufel. Wie oft hatte sich Padde in den Binsen versteckt und mir dort aufgelauert – „Ich bin die Moorleiche von der Sandkuhle. Und ich hole dich jetzt zu mir in mein kaltes glitschiges Grab!“ Wie ein Zombie war er moorbematscht durch das dunkle Wasser getaumelt, und ich hatte ihn mit einer Seerose in Schach gehalten – „Ich bin die Wassernixe. Du darfst mir nichts tun, sonst verhexe ich dich!“

Verbotenerweise sind wir auf die alte Eiche geklettert und  über den einen Ast gehangelt, bis wir uns von dort in den See haben fallen lassen. Immer wieder. Rauf auf den Baum, runter fallen, Platsch. Rauf auf den Baum, runter fallen, Platsch. Mit Schrammen an den Händen und blauen Flecken an den Knien. Meistens tobten wir so lange am Moorteich herum, bis Gewitter zu hören war. Zwischen Blitz und Donner die Sekunden zählend sind wir dann mit unseren klapprigen Drahteseln nach Hause gesaust.

„Huhuhhh!“, macht meine Freundin und wedelt scheibenwischerartig vor meinem Gesicht herum.

„Lässt du mich an deinen Gedanken teilhaben? Du bist ja völlig weg getreten.“

„Ach“, seufze ich nur und lächle mein Bier an. „War eine schöne Zeit damals.“

„Ist das nicht schlimm, dass wir schon so alt sind, dass wir sagen können: Damals?“ Fast weinerlich sieht sie mich an.

„Nicht traurig sein.“ Lieb tätschele ich ihr fein geschminktes Gesicht. „Du hast doch von uns zur Einweihung einen Beauty- und Wellness-Gutschein bekommen. Dann fühlst du dich wieder jung und vergisst das mit damals.“

Tief seufzend versinkt sie in die halbliegende Position und packt mir ihre Beine wieder auf meinen Schoß. Sehr gemütlich ist das.

„Was für eine Party im Schuppen?“, fragt sie und guckt mich von unten herauf an.

Einen Moment brauche ich, um mich zu sortieren. „Och, Party“, wiegle ich ab, aber die Erinnerungen kommen ungefragt in mir auf, und vielleicht liegt es auch am Bier, dass ich meinen Mund nicht halten kann. Und wenn ein unwissendes Stadtkind nett nachfragt, was man als Dorfkind getrieben hat, dann soll man auch antworten.

„Paddes Vater hatte hinter dem Hof noch einen alten Schuppen, den durften wir Kids von der Dorfjugend haben. Das sind die Kids und Teenies von diesem und den umliegenden Dörfern. Da haben wir… uns getroffen. Zum Reden und so.“

„Reden?“

„Joohhh…. und so, halt.“ Das muss der neugierigen Freundin reichen. Da kann sie noch so nervös mit ihren Füßen wippen, die ignoriere ich einfach und denke an den Schuppen.

Wenigstens zweimal in der Woche waren wir alle da und manchmal einfach so zwischendurch, nur mal um zu gucken, ob jemand da war, oder nicht. Wir durften dort laute Musik hören, heimlich rauchen und natürlich haben wir dort unser erstes Bier getrunken und Cola-Korn. Wurde etwas Besonderes gefeiert, gab es Cola-Baccardi. Und auch mal Sekt. Den aber nur für die echten Mädchen. Ich war eher eine Art Junge. Zumindest habe ich mich nie wirklich als Mädchen gefühlt, mit meinen kaputten Jeanshosen und schlichten T-Shirts. Ich war einfach nur eines von den Kindern der Dorfjugend. So wie Padde auch eines der Dorfkinder war, mit Mückenstichen und blauen Flecken und immer ein bisschen Dreck irgendwo.

Aber irgendwann in der Zeit, als mein Körper doch meinte, ich sollte ein Mädchen werden, da wurde Padde doof. Er schrie mich nicht mehr vom Trecker aus an, sondern winkte nur lässig. Er kam nicht mehr zum Baden an den Moorteich, sondern fuhr mit seiner doofen Mofa in die Stadt ins Freibad, und in der Schule begann er Mädchen um sich zu scharen, so wie nur er es konnte. Das alles passierte in einem einzigen Sommer und dieser Sommer war der doofste überhaupt. Das aller-aller-doofste war aber, dass er Patrick genannt werden wollte, was man bittesehr englisch auszusprechen hatte. Pätrick. Mit Ä! Zusehends etepetete wurde er, und als seine Eltern dann auch noch die Landwirtschaft aufgaben und in die Stadt zogen, da gab es keinen Schuppen mehr, wo wir laute Musik hören konnten, und Bier trinken durften und reden… und so. Dann war es endgültig vorbei mit „EY! FÄHRST DU ZUM BADEN?“

Also hatte ich es in Kauf genommen mit meinem Fahrrad die fünfzehn Kilometer in die Stadt zu radeln, durch den dunklen Tunnel unter den Bahngleisen, was ich eigentlich nicht alleine durfte. Ich hatte mir eine teure Eintrittskarte für das nach Chlor stinkende Freibad gekauft, um Padde ausfindig zu machen, der gerne beim Volleyball-Feld lag, umgeben von Hühnern.  Es war mir ein inneres Bedürfnis gewesen ihn quer über die Liegewiese anzuschreien – „HALLO PADDE!“

Hatte er mich ignoriert, war ich wie zufällig an ihm und seinen Hennen vorbei geschlendert und habe gegackert. Spätestens ab da ging die Hetzjagd durch das Freibad los.

Der Bademeister war nicht unser bester Freund gewesen. Die Mikrofondurchsagen des DLRG-Beauftragten konnten wir mitsprechen: „Nicht vom Beckenrand springen!“, oder „Nicht auf der Rutsche laufen!“ Ganz klasse war: „Die Liegewiese ist kein Wettlauf-Stadion!“ Wir hatten uns darüber kaputt gelacht und es tatsächlich einmal geschafft eine Verfolgungsjagd in Slow-Motion durch die Handtücher und Picknickgäste zu machen, während der Bademeister kopfschüttelnd an seiner Bude gestanden hatte. Das waren die aller-doofsten Sommerferien gewesen.

„Wieso lachst du? Liegt das an meinem schnalligen Vermieter?“, fragt meine Freundin und bohrt mir beinahe ihren großen Zeh in die Nase beim Versuch sich aufzusetzen.

„Nö“, gebe ich nicht ganz wahrheitsgemäß an. „Nur an dem Jungen, von dem ich meinen ersten Kuss bekommen habe.“

Baff guckt sie mich an. „Du meinst jetzt aber nicht ihn, oder?“

„Doch.“

„Erzähl!“, schreit sie und wirft beinahe den Farn um, weil sie sofort spionieren muss.

In einem Teenager-artigen Lachanfall muss ich mir die Nase zuhalten, um mich einigermaßen unter Kontrolle zu bringen, während meine Freundin mir auf die Seite haut – „Erzähl! Erzähl!“

Aber ich kann nicht. Denn die uralten Erinnerungen, längst begraben und just auferstanden, sind phänomenal. Mich durchströmt ein wahrer Jungbrunnen, und ich bin sehr erstaunt darüber, dass die Schmetterlinge von damals immer noch einen wahren Veitstanz aufführen können. Nach so langer Zeit. Wirklich erstaunlich und wunderschön.

Räuspernd sammle ich mich. „Das war früher im Schwimmbad. Der hat mich vom Einer geschubst.“

Erschreckt guckt meine Freundin mich an, dann ihren Vermieter und wieder mich.

„Vom Startblock?“, fragt sie.

„Nein, vom Sprungbrett. Mehrmals.“

Ich sehe, wie Padde sich nett von seinen Hühnchen verabschiedet und durch den Raum schlendert.

„Und vom Turm“, ergänze ich, ihn heimlich beobachtend, wie er in der Küche verschwindet.

„Vom Fünfer? Das ist aber mehr als frech. Und dann? Dann ist er hinterher gesprungen und hat dich geküsst, oder? Erzähl schon!“

„Nicht ganz“, lächle ich und schweige schwelgend in Erinnerungen. Ganz deutlich höre ich noch die Stimme meiner Mutter im Ohr, die mich früher gewarnt hatte, ich solle niemals alleine durch den dunklen Tunnel unter den Bahngleisen fahren. Da sei schon viel passiert. Und genau deshalb hatte Padde mich, mitsamt meinem Fahrrad, auf dem Rückweg vom Schwimmbad mit seiner Mofa durch den Tunnel gezogen.

Allerdings hatten wir uns dabei irgendwie verhakt, oder wir hatten uns geneckt, nicht aufgepasst und ich war mit meinem Rad hingefallen. Sehr schuldbewusst hatte Padde mir aufgeholfen und mir ein Taschentuch für mein blutiges Knie gegeben.

Ganz seltsam hatte er mich angesehen und ich hatte gefaucht: „Denk bloß nicht, dass ich wegen dem kleinen Kratzer anfange zu heulen.“

Und dann hatte er mich geküsst. Einfach so. Und ich hatte das gar nicht richtig kapiert, bis er seine Arme um mich geschlungen hatte. Wo ich meine Hände lassen sollte, war mir schleierhaft gewesen, bis ich gedacht hatte: Och, mach es einfach so wie im Film.

Und als ich ihm meine Arme um seinen Nacken gelegt hatte, war alles um mich herum vergessen. Das war mein erster Kuss gewesen, mitten im dunklen Tunnel, wo Mädchen niemals alleine durchfahren durften, weil dort schon so viel passiert war.

Und dann war Padde verschwunden. Nach diesem Sommer habe ich ihn nie wieder gesehen. Bis heute.

„Er ist weg!“, höre ich die Stimme meiner Freundin durch meine Erinnerungen.

Erschreckt komme ich hoch und teile den Farn. Wie im Dschungel lugen wir hindurch, sehen nur noch zurück gelassene Frauen, aber keinen schicken Herrn von Thelen.

„Vielleicht ist er schon gegangen“, mutmaßt sie.

„Ohne sich von der Gastgeberin zu verabschieden? Das wäre aber mau. Wieso hat er überhaupt diese Wohnung vermietet? Ist er ein Immobilienfuzzi?“, frage ich, um mich von meinem Flashback zurück in die Realität zu holen.

„Nein.“ Meine Freundin zwängt sich aufstöhnend in ihre Super-Stilettos hinein. „Das hier ist seine Wohnung. Er will auf´s Land ziehen, hat er erzählt, wollte aber die Wohnung nicht verkaufen. Deshalb hat er sie vermietet.“

„Dorfkind“, nicke ich verständnisvoll und quäle mich auch aus der Sitzmulde hoch.  Ich brauche jetzt ein bisschen frische Luft und strebe der kleinen Dachterrasse zu, während meine Freundin Richtung Küche stöckelt, um sich einen neuen Cocktail zu holen. Da wird sie wohl auf ihren Vermieter treffen. Soll sie.

Die Luft hier oben im siebten Stock ist Großstadtluft. Die Aussicht finden alle ganz toll. Aber mir kann man damit keine großen Freudentaumler entlocken. Ein buntes Lichtermeer erstreckt sich in der lauen Sommernacht. Nur die Elbe sieht man wie ein schwarzes Band, auf der sich die Lichter der Werft spiegeln und vereinzelte Pötte Richtung Hafen schippern. Ein Blick nach oben in den Himmel verrät mir nichts, denn ich kann ihn nicht sehen. Hamburg ist zu hell, auch mitten in der Nacht.

„Keine Sterne da“, höre ich plötzlich neben mir eine sehr bekannte Stimme und drehe mich um. Da steht Padde, ohne die spießige Anzugjacke, ohne Krawatte, mit aufgeknöpftem Kragen und hochgerollten Hemdsärmeln. So gefällt er mir schon besser. Gegen mein Lächeln kann ich nichts tun, aber nicken kriege ich hin. „Ja, keine Sterne.“

„Jetzt habe ich noch nicht einmal ein Getränk dabei, um mit dir anzustoßen.“ Diesen schuldbewussten Blick kenne ich zu gut, aber ich falle nicht drauf rein. Das kann er mit seinen Hühnern machen. Leise gackere ich und er rempelt mich daraufhin mit einer Schulter an. Dann nehme ich einen Schluck Bier und reiche ihm die Flasche. „Prost.“

Und natürlich trinkt er daraus. Das hat er früher ja auch so gemacht. Ich würde ihn so gerne alles mögliche fragen, was er hier in Hamburg gemacht hat, wo er hin will. Auf´s Dorf? Wirklich? Und wie es ihm so geht und überhaupt und sowieso. Aber ich kriege kein einziges Wort raus, weil ich sehr zufrieden damit bin, hier neben ihm zu stehen und nichts sagen zu müssen. Einfach nur versuchen über das große bunte Lichtermeer zu sehen, bis ganz ans Ende, dort wo Wiesen und Dörfer sind, wo es so dunkel ist, so dass man nachts Sterne sehen kann.

„Weißt du, was ich jetzt gerne machen würde?“, fragt er mich.

Ich sehe ihn an und warte auf seine Antwort

„Im Moorteich schwimmen“, sagt er sehr leise, aber in meinem Kopf laufen Bilder ab, wie ein Film von früher. Da erscheint Padde auf dem röhrenden Trecker sitzend, und ich höre ihn schreien: „EY! FÄHRST DU ZUM BADEN?“

Ich kann nicht anders und lege einen Arm um ihn. Wir sind eben Dorfkinder. Das können wir nicht ändern.

Von Tina Wolff

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