Schreibwettbewerb März Finalisten Ina Mardag

Und schon sind wir heute bei der vierten Story angelangt. Vielen Dank Ina Mardag für Deine Teilnahme am Schreibwettbewerb.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen,

Euer Lounge Team


Anni Wagner ermittelt von Ina Mardag

Seufz.

„Hach ja“, ich kannte das Chaos schon, das mich im Büro erwartet hatte. Auf dem zweiten Blick gar nicht soooo schlimm. Immerhin lagen da nur die feinen Lackschuhe des Herrn… Ich habe die Rechnung für die maßgeschneiderten Schuhe gesehen. Das Paar kostete mehr als meine Monatsmiete, aber wer’s hat, der hat’s.

Ich ignorierte den Lackschuh, der, wahrscheinlich durch einen Kick seines sturzbetrunkenen Besitzers, in der Palme gelandet war, und kümmerte mich um seinen Zwilling, der seit einiger Zeit – ich nahm an, seit zwei, drei am Morgen – im Goldfischaquarium trieb. Ruhe in Frieden, Lackschuh.

Ich stand mitten im Raum, und konnte mir ein Augenrollen nicht verkneifen. Das ganze Büro war ein billiges Klischee, nur billig war hier nichts. Der Schreibtisch war aus Mahagoni, dahinter stand ein Bürostuhl, der wie ein Thron auf Rädern wirkte.

Es sah aus, wie die Kulisse einer dieser düsteren Detektivstreifen, nur nicht so abgesifft, wie bei den harten Kerlen damals.

Das Bücherregal war relativ leer, aber dekorativ eingebundene Kriminalistikschinken standen in Reih und Glied.

Ich schnaubte, weil ich mir absolut sicher war, dass diese Schmöker niemand je in der Hand gehalten hatte. „Die Psychologie von Schwerverbrechern“ und „Die Kriminalistik von Feuerwaffen“ würde hier niemand brauchen.

Mein Chef hielt sich für einen Privatschnüffler aus den goldenen Tagen. Ich habe ihn sogar schon erwischt, wie er „Es war einer dieser Tage…“ vor sich hin murmelte. Stilecht die Füße auf dem Tisch, mit einer Kippe im Mundwinkel und einem Glas Whisky in der Hand – wohlgemerkt um halb elf vormittags. So gesehen war es einer dieser Tage, denn mein Chef hatte nichts zu tun. Es hatte sich herumgesprochen, dass er der schlechteste Privatdetektiv diesseits des Mississippi war – und ja, wir waren in Deutschland!

Die Familie meines Chefs war steinreich, so reich, dass sie es sich leisten konnten, den Filius so weit weg wie möglich vom eigenen Unternehmen unterzubringen. Schnell ein altes Bürogebäude am anderen Ende der Stadt gekauft, alles saniert und dann mit einem kleinen Gespräch übergeben:

„Bitte, hier sind die Schlüssel. Mach damit, was du willst.“

„Danke, Papa. Äh…“ (Hier dürfte der Chef dämlich auf die Schlüsselkarte geschaut haben.)

„Natürlich. Ich überweise eine Million auf dein Geschäftskonto, damit du dich einrichten kannst.“

„Danke, Papa, aber –“

„Was denn noch, Junge? Ich habe Termine.“

„Wie komm ich denn da rein?“

Keine zwei Tage später wurde ich eingestellt. Vom Senior, versteht sich. Ich erhielt ein fürstliches Honorar dafür, dass ich „nach dem Jungen sehe“. Damals war noch nicht klar, dass Jens Privatschnüffler werden würde. Immerhin muss man dafür eine Prüfung bestehen. Ich weiß bis heute nicht, wer geschmiert worden ist, damit er seine Lizenz bekam.

Eins aber war klar, einen Waffenschein hatte Jens nicht. Ich sehe regelrecht vor mir, wie er beim Reinigen seiner Pistole in den Lauf schaut, um nachzusehen, ob da eine Patrone drinnen ist und…

Ich beschwere mich nicht. Mein Gehalt kommt pünktlich, ich kann fast den ganzen Tag tun und lassen, was ich will. Klientengespräche gibt es fast gar nicht – ich erwähnte ja, dass mein Chef ein wirklich mieser Detektiv war. Nur seine Freunde, die auch mehr Geld als Verstand hatten, waren ihm treu. Sie fanden, dass er sie besser verstünde, als einer dieser Arbeitertypen, der ihre Probleme nicht nachvollziehen konnte. Da war es besser, einen alten Freund zu beauftragen, der wusste, was sich gehörte! Im Zuge einer Ermittlung sollte es ja nicht zu Skandalen kommen. Wenn die Reichen wissen wollten, wer Großtante Gertrudes Diamanten bekam, sollte gefälligst nur das herausgefunden werden, und nicht etwa, dass der insolvente Sohn kurz vor dem Tod oft zu Besuch war, obwohl er jahrelang nicht da war, oder dass Tantchen sich einen fünfzig Jahre jüngeren Toyboy gehalten – Verzeihung, Privattrainer engagiert – hatte. Da konnte man sich auf Jens Braken verlassen! Der würde absolut nichts herausfinden. Erstens, weil er das mit dem Liebhaber schon wusste, so wie alle, aus diesen Kreisen, zweitens, weil er niemals Domestiken befragen würde und drittens, weil er geistig zu beschränkt war, um Schlussfolgerungen zu ziehen.

Gut, dass er mich hatte. Nachdem ich die ruinierten Schuhe zur Seite gestellt hatte, sah ich, dass auf dem Schreibtisch eine Akte lag. Eine echte Akte, so richtig in einer Aktenmappe. Ich schaute irritiert zum Computer der neuesten Generation, der leise summend darauf wartete, aus dem Standby geholt zu werden und für einige Runden Solitär zur Verfügung zu stehen.

Ich öffnete die Mappe und fand ein Post-it, das auf der Klebeseite bekritzelt war. Die Schrift, die direkt auf dem Klebestreifen war, war verschmiert, und der Rest hätte einen Arzt ob des Meistergrades der Unleserlichkeit zum Weinen gebracht. Mit ein bisschen Übung konnte ich etwas erkennen. Da stand in nicht ganz fehlerfreiem Deutsch: „-ias Lula isst weg. E-Mehl.“ Ich bezweifelte, dass besagte Lula Mehl gefuttert hatte.

Ich pflanzte mich auf den rollenden Thron und startete den PC. Tatsächlich, eine Email von SaskiaReg-Son@Regensburg-Consult.com mit Betreff: Lula ist weg, HILFE!!!!!!!!!

Hui, neun Ausrufezeichen. Und Hilfe in Großbuchstaben. Sah ernst aus.

Mein lieber Jensi-Bränsi,

mein Lula-Mäuschen ist weg! Gestern war sie noch da und war beim Frisör, aber als der Chauffeur sie abholte, war sie verschwunden. Sie ist doch erst drei Jahre alt.

Ich bin verzweifelt!!!!!

Saskia Regensburg-Solta,

Oh nein, ein kleines Mädchen war entführt worden! Da musste sie die Polizei einschalten, keine Mail an einen minderintelligenten Mann schicken! Mein Herz pochte und ich hielt die Luft an, als die Anhänge luden.

Kurze Zeit später stieß ich den Atem entnervt. Es war kein Kind, das verschwunden war, sondern ein Hund. Das erste Foto, zeigte einen Dobermann, der – Achherrjeh – einen Leopardenfellmantel und ein glitzerndes Halsband trug. Ich zoomte auf das Halsband. Sechs Reihen funkelnde Steine. So wie die glitzerten, waren das keine Plastiksteinchen.

Auf dem nächsten Bild trug der Hund ein Designercape, eine Plastikpuppe hockte daneben. Moment, das war eine Frau! Ob sie lächelte war schwer zu erkennen, denn die Lippen waren aufgespritzt und die Gesichtshaut so glatt, dass keinerlei Mimik erkennbar war. Das folgende Bild, auf dem Lula eine Tiara trug – waren die Krallen lackiert?! Ich beugte mich näher zum Bildschirm. Tatsächlich. Pinke Krallen. Ich öffnete das letzte Bild. Man sah einen untersetzter Mann, die Plastikfrau und Lula, die im Vordergrund lag. Der Mann war Mitte dreißig, hatte sein lichtes Haar nach hinten gegelt und trug einen teuren Anzug. Die Frau neben ihm, das musste Saskia sein, trug ein tief ausgeschnittenes Minikleid, das wohl auch ziemlich teuer gewesen sein musste. Ihr blondes Haar fiel in unnatürlich voluminösen Kaskaden über ihre Schulter.

Irgendwas schien komisch. Obwohl der Mann seinen Arm um die Hüfte der Frau geschlungen hatte und in die Kamera blickte, wirkten sie nicht, wie ein liebendes Pärchen. Der Mund des Mannes war verächtlich verzerrt. Die Frau war von ihm weggedreht, sodass sie ihn kaum berührte.

Ich kannte den Mann. Regensburg-Solta. Wie die Solta-Privatbank? War das Benedict Solta, Juniorchef der Privatbank?

Ich öffnete den Internetbrowser und suchte nach dem Paar. Das war tatsächlich der Mann vom Bild. Er war seit fünf Jahren mit dem reichen It-Girl Saskia Regensburg verheiratet. Ich scrollte durch die Bilder, die die Suchmaschine anzeigte. Hochzeit unter Palmen, Wohltätigkeitsveranstaltungen und ein offiziell wirkendes Foto. Dort klickte ich drauf. Es führte mich zur Seite der Solta-Privatbank, auf der die Manager vorgestellt wurden. Benedict Solta war Junior-Chef und Börsenmakler. Löste keine Sympathiestürme aus. Nicht zuletzt deshalb, weil sein Gesichtsausdruck eiskalt war.

Über Saskia gab es außer Fotos in Designerkleidung nicht viel zu berichten. Sie tat nichts. War ein hübsches Anhängsel ohne Inhalt.

Einem Impuls folgend tippte ich Lula Regensburg in die Suchmaske. Tatsächlich gab es Treffer. Der Dobermann hatte sein eigenes Facebook-Profil. Dort war haarklein beschrieben, was Lula so machte. #Shoppen und #Wellness waren oft vertreten. Ich sah mir die öffentlich zugängliche Seite genauer an. Saskia hatte alles dokumentiert. Man sah das teure Halsband auf jedem Foto. Außerdem hatte sie den Termin im Hundespa angekündigt. Kein Wunder, dass Lula weg war. Da hatte jemand schnelles Geld gerochen

Ich schnappte mein Smartphone mit den Fotos und machte mich auf, Lula zu suchen. Man sollte zwar meinen, dass ein Dobermann hundsgenug sein musste, um auf sich aufpassen zu können, aber bei der verwöhnten Lula?

Als erstes rief ich bei der Nummer an, die in Saskias Mail stand. Die freundliche Sekretärin teilte mir mit, dass Frau Regensburg-Solta zwar ein Firmenbüro habe, aber niemals anwesend sei. Sie war recht auskunftsfreudig, von einer Sekretärin zur anderen. „Frau Regensburg-Solta ist nur da, wenn sie einen Termin mit ihrem Bruder hat. Das ist der Chef, aber er hat nicht immer sofort Zeit. Dann kommt sie her und wartet hier.“

„Passiert das oft?“

„Früher nicht, aber in letzter Zeit ist sie öfter hier. Dann sprechen sie auch mit dem Rechtsanwalt der Familie.“

Das ließ mich aufhorchen. „Der Anwalt der Familie oder der Firmenanwalt?“

„Herr Schadow ist für die Privatangelegenheiten der Familie zuständig. Alles was die Firma betrifft, wird von unserer Rechtsabteilung bearbeitet.“

„Wie wirkte Frau Regensburg-Solta auf Sie?“

Sie kicherte. „Ich sag nur so viel: Der Name wird sich wohl bald verkürzen.“

„Sie will sich scheiden lassen?“

„Sieht so aus.“

Interessant. Sehr interessant. „Hatte Frau Regensburg-Solta auch mal ihren Hund mit dabei?“

Sie seufzte. „Ein Dobermann sollte doch, naja, gefährlich wirken. Aber mit einem roséfarbenem Rüschenmantel geht das schlecht. Auch vom Charakter her ist Lula kein Kampfhund. Sie ist verschmust und tollt gerne herum. Wenn Sie ihr Fleisch vor die Nase halten, geht sie überall mit Ihnen hin.“

Ich beendete das Gespräch, als ich die Privatadresse hatte. Das Haus lag in einem noblen Vorort. Auf dem Weg dorthin, hielt noch beim Hundesalon.

Die Besitzerin bestätigte, dass Lula ein Lämmchen war.

„Wer hat sie gestern abgeholt?“

„Das war komisch. Da kamen zwei Männer. Einer, der nach zehn Minuten kam und sie abholte, weil was dazwischen gekommen war und dann einer, zur geplanten Zeit.“

„Haben Sie den ersten Mann gekannt?“

„Nein. Die Hundesitter wechseln ständig. Niemand hält es lange bei Frau Regensburg aus.“

„Können Sie ihn mir beschreiben?“

„Erstaunlicherweise ja, denn er war nicht ihr ‚normaler Typ‘, wissen Sie? Frau Regensburg bevorzugt den sportlichen Typ Mann. Sonnengebräunte Surfertypen mit Waschbrettbäuchen. Der Mann hatte eine kleine Plauze und das schwindende Haar war streng nach hinten gekämmt. Da war eine halbe Tube Gel drinnen.“

„Ist Ihnen noch etwas aufgefallen?“

„Er wirkte nervös. Aber sonst?“

Das kam mir bekannt vor. Ich zeigte ihr ein Foto von Solta. „Das ist er. Aber warum trägt er denn so einen feinen Zwirn, wenn er nur der Hundesitter ist?“

Ich bedankte mich und fuhr zur Villa Regensburg-Solta. Eine Theorie begann sich zu bilden.

Als ich bei der Villa des Ehepaares klingelte, staunte ich nicht schlecht. Neben dem Eingang thronten pinken Dobermann Statuen. Die Tür wurde von einer älteren Frau geöffnet. Sie hatte einen strengen Dutt und trug die klassische Uniform eines Dienstmädchens.

„Guten Tag, ich bin Anni Wagner. Ich komme von der Detektei Braken. Frau Regensburg-Solta erwartet mich“, stellte ich mich vor.

„Ah, ja. Man erwartet Sie.“

Ich folgte ihr in eine riesige Empfangshalle und sie führte mich in einen Salon, in dem Saskia Regensburg auf einer Chaiselongue lag, ihre Augen unter einer Kühlmaske verborgen.

„Frau Regensburg-Solta, Ihr Besuch von der Detektei ist hier.“

Saskia schniefte. Während sie sich aufrichtete und die Maske von den Augen zupfte, stieß sie weinerlich hervor: „Jensi-Bränsi, da bist du ja. Meine Lula, du musst –“ Sie brach ab und schnüffelte. „Sie sind nicht Jens!“

„Nein, Frau Regensburg-Solta. Ich bin die Assistentin von Herrn Braken. Er geht gerade anderen Spuren nach.“ Ich schaute verstohlen auf meine Armbanduhr. Halb zwölf. Die Wahrscheinlichkeit, dass Jens Braken schon auf den Beinen war, lag bei 50 Prozent.

Die Dame des Hauses riss mich aus meiner Grübelei. „Ich wusste, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Der Gute.“

„Frau Regensburg-Solta, dürfte ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“

„Ja, aber nennen Sie mich nicht Regensburg-Solta. Es hat sich ausgesoltat. Nennen Sie mich Saskia“

„Das tut mir leid – äh, Saskia. War gestern etwas ungewöhnlich?“

Sie schniefte und hob ein Taschentuch an die Augen. „Nein, nicht, dass ich wüsste.“

„Sie haben also nicht veranlasst, dass Lula vor dem Termin abgeholt wird?“

Sie sah mich verwirrt an. „Nein, wieso denn? Das Hundespa ist auf Wochen ausgebucht. Es gibt Menschen, die würden für einen Termin morden“ Saskia hielt inne, sah mich an, und fing an zu weinen. „M-mein armes Baby.“

Ich versuchte, sie zu beruhigen und setzte mich neben sie. „Es wird schon wieder gut, Saskia. Glauben Sie daran. Äh, glauben Sie an Jensi!“ Das waren die Zauberworte, die sie hören musste. Sofort wurde ihr ohrenbetäubendes Schluchzen zu leisem Wimmern.

„Saskia, könnte es sein, dass Ihr Mann Lula gestern abgeholt hat?“

Sie versteifte sich und fauchte, „Benni mag Hunde nicht. Der steht mehr auf Muschis.“

„Ich nehme an, Ihre Scheidung hat etwas mit diesen ‚Muschis‘ zu tun?“ Als sie nickte, fuhr ich fort. „Wohnt Ihr Mann noch hier?“

„Nein, er wohnt in einer Firmenwohnung in der Stadt.“ Sie schnaubte abfällig. „Eine eigene Wohnung kann er sich nicht leisten.“

„Wie meinen Sie?“

„Ehevertrag. Ich bekomme das Haus, mein Vermögen, das ich mit in die Ehe gebracht habe, alle Geschenke, die er mir je gemacht hat und 50 Prozent von allem, was er verdient hat. Als ob das was bringen würde. Ich habe mit meinem Anwalt gesprochen, seine Schulden gehören ihm ganz alleine, die werden nicht geteilt.“

„Herr Solta hat Schulden?“

Sie nickte. „Ja, er hat sich verspeht, oder –spekuliert oder Spekulatius. Ach, was weiß ich? Er hat das Geld seiner Kunden verloren und sich an der Firmenkasse bedient, als es aufzufliegen drohte.“

„Sind Sie sicher?“ Eine Quelle, die nicht wusste, ob ihr Mann mit Spekulationen oder Weihnachtsgebäck sein Geld verdiente, war nicht unbedingt glaubwürdig.

„Ja, hat mein Bruder mir erzählt. Er war sehr wütend, und hat gesagt, dass er sein Geld wiederhaben will oder er geht zu Solta Senior.“

Ich war mir sicher, dass ich jetzt wusste, was vorgefallen war. „Saskia, können Sie mir sagen, wo Ihr Mann jetzt wohnt?“

Sie klingelte nach der Haushälterin und bat sie, mir die Adresse von dem Lustmolch (ihre Worte) zu geben.

Kurze Zeit später stand ich vor einem schicken Wohnhaus in der Innenstadt. Vor dem Eingang stand ein Portier.

„Guten Tag. Ich bin eine Freundin von Benni.“ Ich klimperte mit den Wimpern. „Benni Solta. Ich wollte gerade zu ihm, aber ich muss wissen, ob dieser Hund weg ist. Ich habe eine schlimme Hundehaarallergie. Ich kriege immer ganz rote Augen und meine Kehle schwillt zu…“ ich fasste mir an den Hals und röchelte, bis der Portier sagte, dass Herr Solta den Hund tatsächlich bei sich habe, aber gerade mit ihm unterwegs war.

Ich ging in den Sandwichladen in der Nähe und kaufte ein Baguette, das ich mit allen verfügbaren Fleischsorten belegt ließ.

Als ich draußen war, legte ich eine kleine Spur aus Fleischstücken von der Kreuzung, aus deren Richtung Lula wohl kommen würde, bis zu meinem Auto. Ich öffnete die Beifahrertür einen Spalt breit, steckte den Schlüssel ins Zündloch und machte mich bereit.

Keine fünf Minuten später kam ein dicklicher Mann mit gegelten Haaren auf mich zu, der seine liebe Mühe hatte, den Dobermann an seiner Leine bei Fuß gehen zu lassen und gleichzeitig eine hübsche Blondine in Killerheels im Arm zu halten. Ich machte einige Beweisfotos und ließ den Motor an.

Ich pfiff, rief „Lula, komm. Fressi“, und sah zu, wie der Dobermann sich mit aller Kraft in Bewegung setzte, sich losriss und auf meinen Wagen zusprintete. Ich stieß die Beifahrertüre auf, ließ sie rein und brauste davon. Im Rückspiegel konnte ich sehen, wie ein verdatterter Benedict Solta hinter mir her starrte.

Ich brachte den Hund ins Büro, wo ich einen sehr verkaterten Jens Braken antraf.

Ich rief Saskia an, und bat sie zur Detektei zukommen. Bevor ich Braken die ganze Geschichte erzählen konnte, kam Saskia herein gestürmt. Als sie Lula sah, fing sie an zu weinen. „Oh Jensiiiihiiihiii. Ich wusste, dass du es schaffst. Lula, komm her, mein Mädchen.“

Jens Braken tat das, was er am besten konnte: Dumm aus der Wäsche gucken. Ich verdrehte die Augen und erklärte, wo ich, pardon, wir Lula gefunden hatten.

„Herr Braken glaubt, dass es Ihrem Mann nicht um Lula ging, sondern um ihr Halsband. Wie Sie sehen, trägt sie jetzt ein Lederhalsband. Herr Braken denkt, dass Solta Ihnen den Hund wiedergegeben hätte. Entweder hätte er gesagt, dass sie ihm zugelaufen sei, oder er hätte sie gegen Lösegeld eingetauscht.“ Ich stieß meinem Chef unauffällig in die Seite. „Nicht wahr, Chef?“

„Äh? Ja, Lösegeld.“ Er starrte immer noch auf den Hund und die aufgelöste Halterin.

„Saskia, wenn ich Ihnen einen Vorschlag machen dürfte“, fing ich an, „lassen Sie Lula nicht unbewacht.“ Sie nickte. „Außerdem sollten Sie darüber nachdenken, nicht alle Einzelheiten Ihrer oder Lulas … Pläne für alle sichtbar online zu stellen. Nur weil Ihr Mann wusste, wann Lula im Salon sein würde, konnte er sie entführen.“ Saskia sah zuerst mich verwundert an und dann Braken. Ich stieß ihn erneut an.

„Hmm, ja. Keine Details online stellen. Niemals.“

Saskia nickte. „Oh, wenn du meinst, Jensi. Danke, danke nochmals!“ Zu Lula sagte sie, „Komm, Schnucki, wir kaufen dir ein neues Halsband. Das einfache Lederding ist bah. Sollen wir bei Cartier ein Halsband mit rosa Diamanten bestellen, Lula-Hasi?“

Saskia machte sich mit einer verzückten Lula auf den Weg.

„Ich schicke Ihrem Anwalt die Beweisfotos und eine Aussage der Salonbesitzerin, die Solta erkannte, als er Lula abgeholt hat…“ Sie antwortete nicht, sondern wedelte nur mit ihrer Hand, als Zeichen, dass sie keine Einwände hatte.

Jens Braken unterdessen ließ sich schwer in seinen Bürostuhl sinken und gluckste: „Mensch, da habe ich aber gute Arbeit geleistet. Lula ist wieder da… und ich bin erst zwanzig Minuten hier. Das ist eine Werbung!“

Ich verdrehte die Augen, goss mir einen Kaffee ein und machte mich daran, meinen Chef auf seiner Internetseite zum Helden zu stilisieren.

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